Der ökologische Anbau verzichtet auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und strebt nach vielfältigen Getreide-, Obst- und Gemüsesorten sowie nach eigenständig zu vermehrenden Arten. Die im Öko-Landbau verwendeten Pflanzensorten müssen robust und standortangepasst sein - eine eigenständige Öko-Züchtung ist notwendig. Bis die ökologischen Züchtungen breit verfügbar sind, werden auch im Öko-Landbau konventionelle und Hybridsorten eingesetzt.

Konventionelle Züchtung birgt Probleme und Gefahren

Die konventionelle Pflanzenzucht entwickelt Pflanzen für eine Produktionsweise, in der synthetisch hergestellte Dünge- und Pflanzenschutzmittel integraler Bestandteil sind. Im weniger intensiv geführten ökologischen Anbausystem bringen diese Sorten nicht die gewünschten Ertrags- und Qualitätseigenschaften. Sowohl die konventionelle Zuchtmethode der Hybridzüchtung mit Inzuchtlinien als auch die Qualität der Hybridsorten sind umstritten in der Bio-Branche. Vor allem, weil unter Bio-Bedingungen die Eigenschaften nicht optimal ausgenutzt werden können. Zudem erfolgt Züchtung heute zunehmend in monopolähnlichen Marktstrukturen: So bestimmen die zehn größten Saatgutunternehmen weltweit fast 75 % des gesamten Saatgutmarktes [6]. Für diese stehen Kriterien wie Herbizidresistenz, weltweite Verbreitung und Patentierbarkeit im Vordergrund [8]. Besonders umstritten sind die sogenannten CMS-Hybriden (siehe Kasten). Die CMS-Hybridzucht zählt nach geltendem Recht nur dann zur Genmanipulation, wenn sie zwischen nicht verwandten Pflanzenarten angewendet wird. Da die Zellfusionen derzeit meist auf mehr oder weniger verwandten Pflanzenarten (z. B. Kohlarten) angewendet werden, zählen sie offiziell nicht zur Agrogentechnik. Nach der EU-Richtlinie sind sie nicht verboten und Züchter müssen solche CMS-Hybriden nicht extra kennzeichnen. Laut IFOAM-Richtlinien zählt die Zellfusionstechnik aber zu gentechnischen Veränderungen - die deutschen Anbauverbände haben CMS-Hybriden daher in ihren Richtlinien verboten. Es gibt Orientierungslisten mit jenen Hybridsorten, bei deren Entwicklung die Zellfusionstechniken eingesetzt wurde [3]. Die Verbreitung der Hybridsorten steigt: Der Anteil von Hybrid-Möhren im EU-Sortenkatalog nahm von 37 (1985) auf über 70 (2007) zu. Auch im Öko-Landbau stammt der größte Anteil des erzeugten Gemüses aus Hybridsaatgut [5]. Landwirte können und dürfen von Hybridsorten kein Saatgut für die eigene Verwendung gewinnen, sie müssen jedes Jahr neues Saatgut kaufen - dadurch steigt deren Abhängigkeit von wenigen Agrarkonzernen wie z.B. Bayer CropScience oder Monsanto [6].

Ökologische Pflanzenzucht entwickelt angepasste Sorten

Mit dem Rückgang der Sortenvielfalt geht ein kaum schätzbares Potenzial verloren. Damit Öko-Gemüsebauern wieder Populationssorten kultivieren können, die auch konkurrenzfähig sind, hat der Verein Kultursaat Grundlagen für die Zuchtarbeit bei vielen Gemüsearten geschaffen: Eine "Genbank" von mehr als 700 Saatgutmustern noch vertriebsfähiger samenfester Sorten aus dem europäischen Angebot wurde angelegt [2]. Die wichtigsten Ziele einer ökologischen Pflanzenzüchtung sind die Pflanzengesundheit, eine gute Nährstoffeffizienz  sowie Ertrags- und Qualitätsstabilität [7; 8]. So wird z.B. auf die Ernährungs- und sensorische Qualität gezüchtet. Samenfeste Sorten reifen meist besser aus (z.B. höhere Zucker- und Trockensubstanzgehalte) und haben häufig einen besseren Geschmack [1; 4]. Wichtig für den Öko-Landbau, der auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet, ist das Zuchtziel Unkrautkonkurrenzfähigkeit, d.h. die Pflanzen reagieren in Ertrag und Qualität relativ tolerant auf die Anwesenheit von Unkräutern oder unterdrücken diese.
Für die Praxis auf Bio-Betrieben stehen bisher wenige ökologisch gezüchtete Sorten zur Verfügung, weil noch nicht für alle Arten Öko-Sorten vorliegen und die Finanzierung der ökologischen Züchtung schwierig bleibt [6]. Doch die Nachfrage steigt: 2010 wurden in Deutschland über 840 t Saatgut von biodynamisch und ökologisch gezüchteten Getreidesorten verkauft: Das reicht für 4.200 ha Getreideanbau (insgesamt rund 200.000 ha Bio-Getreidefläche in Deutschland). Die übrigen Betriebe setzen weiterhin ökologisch vermehrtes Saatgut ein, das nicht ökologisch gezüchtet, aber mindestens ein Jahr lang auf einem anerkannten Bio-Betrieb vermehrt wurde. Bei entsprechender Verfügbarkeit, die in der Datenbank OrganicXseeds dokumentiert ist, ist der Einsatz von Saatgut aus ökologischer Vermehrung laut den EU-Rechtsvorschriften vorgeschrieben. Obwohl mittlerweile ein gutes Angebot an ökologisch vermehrtem Saatgut verfügbar ist, werden noch Anträge auf Ausnahmengenehmigungen genehmigt.

Hybride entstehen aus der Kreuzung von Inzuchtlinien, also nahe verwandter, möglichst reinerbiger Zuchtlinien. CMS-Hybride (CMS = cytoplasmatische männliche Sterilität) sind das Ergebnis einer Cytoplastenfusion (Verschmelzung von artfremden Zellen nach Auflösung der Zellwände und Entfernung des Zellkerns der die CMS besitzenden Art). Die gewünschten Eigenschaften zeigen Hybride und CMS-Hybride nur in der ersten Generation. Bei normalen F1-Hybriden spaltet die nächste Generation F2 meist stark auf und die positiven Eigenschaften gehen größtenteils verloren - eine Rückzüchtung ist, wenn auch sehr aufwendig, theoretisch noch möglich. CMS-Hybride dagegen sind steril und ihre Eigenschaften sind nicht vererbbar. Eine samenfeste Sorte vererbt ihre Eigenschaften dagegen weiter und kann aus dem geernteten Saatgut nachgezogen werden. Die IFOAM rechnet Zellfusionstechniken, mit der CMS-Hybriden entwickelt werden, der gentechnischen Veränderung zu - sie sind unvereinbar mit den Prinzipien des Öko-Landbaus.

Mehr zugelassene Sorten auf dem Markt

Ökologische Pflanzenzüchtung leistet einen herausragenden Beitrag für den Erhalt und den Ausbau der genetischen Vielfalt bei Getreide und Gemüse. Bislang wurden bereits über 40 Gemüse-Neuzüchtungen (z.B. die Möhre Rodelika) behördlich zugelassen - und jährlich werden es mehr (Stand 12/2011). Für Getreide gibt es in der Schweiz zehn ökologisch gezüchtete Weizen- und  sechs Dinkelsorten. In Deutschland stehen acht Weizen-, drei Roggen-, zwei Einkorn- und eine Sommergerste zur Verfügung [6]. Diese Öko-Sorten wurden seit Mitte der 1980er-Jahre insbesondere von biologisch-dynamischen Züchtungsinitiativen entwickelt. Die Finanzierung erfolgte vor allem aus Spenden und Zuwendungen von Stiftungen [6;8]. Letztendlich kann der Öko-Landbau seinem ganzheitlichen Ansatz und nachhaltigen Zielen nur gerecht werden, wenn er auch die Saatzucht in die eigene Hand nimmt.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Fleck, M. et al. (2002): Samenfeste Sorten oder Hybriden. Untersuchungen an Speisemöhren aus einem Anbauvergleich an zwei Standorten des Ökologischen Landbaus. In: Treutter,
D. et al. (Hrsg.): Qualität und Pflanzenzüchtung 37, S. 167-172.

[2] Fleck, M. und Nagel, C. (2011): Aufbau einer Sammlung (Erhaltungszuchtbank) für samenfeste Gemüsesorten als Basis für ökologische On-farm-Züchtung, In: Brock,
C. et al, Es geht ums Ganze: Forschen im Dialog von Wissenschaft und Praxis. Proceedings zu:
11. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau, Giessen, Verlag Dr. Köster, Berlin.

[3] Frühschütz, L. (2011): Saatgut für alle, Artikel in „Schrot und Korn“ 02/2011, S. 29-39, Aschaffenburg.

[4] Heine, H. (2000): Ergebnisse von Sortenprüfungen mit Dauermöhrensorten. Gemüse 9/2000, S. 15-17.

[5] Maack, K. und Goy, I.A. (2006): Der Markt für ökologisches Gemüse – Strukturen und Entwicklungen. Studie am Institut für Gartenbauökonomie der Universität Hannover.

[6] Willing, O. (2011): Ökologische Saatgutzüchtung, Informationen auf www.saatgutfonds.de, Bochum. 

[7] Urich, D. et al. (2004): Vergleichende Qualitätsuntersuchungen von alten und neuen Gemüsesorten zur Entwicklung von Zuchtzielen für den ökologischen Gemüsebau. Bericht, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Bonn.

[8] Roeckl, C. und Willing, O. (2006): Eine Aufgabe für alle. Ökologische Saatgutzüchtung und ihre Voraussetzungen. In AgrarBündnis e.V. (Hrsg.): Der Kritische Agrarbericht 2006, ABL Verlag, Hamm, S. 139 – 144.

 

Kultursaat (2009): Wir züchten für die Zukunft des Ökologischen Landbaus, Broschüre, Bad Nauheim
www.saatgutfonds.de
www.kultursaat.org
www.bingenheimersaatgut.de
www.sativa-rheinau.ch
www.organicxseeds.com
www.dreschflegel-saatgut.de