1. Wie ist der Ökologische Landbau entstanden? Tradition und Innovation: Die Geschichte des Öko-Landbaus in Deutschland

 

Der Ökologische Landbau entstand als Antwort auf ökologische und ökonomische Krisen im 20. Jahrhundert. Vor allem aus ethischen Gesichtspunkten verzichteten die Pioniere auf bestimmte Betriebsmittel und Handlungsweisen und entwickelten ein besonders umwelt- und tiergerechtes Landbausystem, das heute Leitbild für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft ist.

Die Aufgabe des traditionellen Gemischtbetriebs als Ausgangspunkt

Traditionelle Landwirtschaft war nicht immer umweltfreundlich: Über Jahrhunderte hinweg wurde am Wald Raubbau betrieben, der als Weidefläche und zur Entnahme von Holz, Futter und Einstreu genutzt wurde. Durch diese einseitige Wirtschaftsform brach das Öko-System Wald im 18. Jahrhundert zusammen [1]. Erst als Reaktion hierauf wurde die Tierhaltung an Ackerbau und Grünlandnutzung gebunden und die Dreifelderwirtschaft eingeführt. So entstanden ökologisch stabile, nachhaltige Betriebe und an den ökologischen Gegebenheiten des Standorts ausgerichtete Betriebe (» Frage 6). Das Thaersche Axiom, den landwirtschaftlichen Betrieb wie ein Gewerbe als optimierten Input-Output-Betrieb zu führen (1832), das Postulat des Chemikers Justus von Liebig, den Nährstoffentzug der Pflanzen durch außerbetriebliche Zufuhr zu ersetzen (1840), und die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur synthetischen Stickstoffherstellung (1916) führten zur Loslösung von dieser natürlichen Produktionsbegrenzung. Der intensive Einsatz von mineralischem Dünger, Pestiziden und Wachstumreglern war die Folge [2; 3; 4] und führte mit dem ökonomischen Zwang zur Produktivitätssteigerung durch Spezialisierung und Rationalisierung zu erheblichen negativen Umweltwirkungen der Landwirtschaft [2]. Bereits in den 1920er Jahren suchten Menschen aus dem Umfeld der anthroposophischen und der Lebensreformbewegung Auswege aus der sich in der Landwirtschaft anbahnenden ökologischen Krise [5].

Entwicklungspfade der ökologischen Landbausysteme [in Anlehnung an 5].
Entwicklungspfade der ökologischen Landbausysteme [in Anlehnung an 5].

Biologisch-dynamische Wirtschaftsweise und natürlicher Landbau

Die Lebensreformbewegung wollte zurück zu einer natürlichen und naturgemäßen Lebensweise. Sie betrieb Selbstversorgergärten mit dem Ziel, hohe Nahrungsmittelqualität zu erreichen, nach folgenden Grundsätzen [5]: weitgehend viehlose Bewirtschaftung, an Kleinbetriebe angepasste Technologie, biologisches Verständnis von Bodenfruchtbarkeit und Humuswirtschaft. Die Lebensreformbewegung blieb eine zeitlich befristete Erscheinung. Dennoch sorgte mit Ewald Könemann (1899-1976) einer ihrer Pioniere dafür, dass in den Folgejahren wichtige Erkenntnisse Eingang in die Entwicklung des ökologischen Landbaus fanden. In Sorge um die Lebensmittelqualität und die abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens und der Tiere baten anthroposophische Landwirte, Tierärzte und Forscher Rudolph Steiner (1861-1925), den Begründer der Anthroposophie, um Rat [6]. Mit dem daraufhin an Pfingsten 1924 von Steiner gehaltenen "Landwirtschaftlichen Kurs" wurde die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise begründet. Sie zeichnet folgende Besonderheiten aus: Anthroposophie als (Verständnis-)Grundlage, Einsatz der biologisch-dynamischen Präparate, obligatorische Haltung von Wiederkäuern und die Beachtung kosmischer Rhythmen. Ihr Prinzip, jeden landwirtschaftlichen Betrieb als Individualität und eine Art Organismus zu betrachten, wurde Ausgangspunkt und Grundsatz des gesamten ökologischen Landbaus (» Frage 6). Auch ein zweites bis heute wesentliches Prinzip wurde von der biologisch-dynamischen Bewegung in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts begründet: Mit einem Warenzeichen (demeter) unter dem die Produkte vermarktet werden, wird der in Richtlinien festgelegte und kontrollierte Erzeugungs- und Verarbeitungsprozess dokumentiert [7].

Organisch-biologischer Landbau und erste Ausdehnungsphase

Der Botaniker und Politiker Hans Müller (1891-1988) wollte die Existenz kleinbäuerlicher Familienbetriebe in der Schweiz sichern. Dazu propagierte er Betriebe, die vom Zukauf an Betriebsmitteln möglichst unabhängig sind, wofür er den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit durch pflegliche und intensive Nutzung des wirtschaftseigenen Düngers als wesentlich ansah. Seine Frau, Maria Müller (1894-1969), entwickelte die praktische Umsetzung und legte damit die Grundlage für den organisch-biologischen Landbau. Wissenschaftlich wurde diese Entwicklung flankiert durch Hans-Peter Rusch (1906-1977) und seine Hypothese des Kreislaufs von lebender Substanz (Mikroorganismen) durch die Glieder der Nahrungskette (Boden - Pflanze - Tier - Mensch). Die zunehmende Umweltschädigung durch die Landwirtschaft im 20. Jahrhundert wurde für konservative Individualisten unter den Landwirten, denen religiöse, ethische und gesundheitliche Fragen wichtig waren, zum Problem. So stießen die Ideen des organisch-biologischen Landbaus bei ihnen auf reges Interesse; 1971 gründeten sie in Südwestdeutschland den "Verband für organisch-biologischen Landbau" (später Bioland). Aus der Umweltbewegung kamen "Aussteiger" als neue Bio-Landwirte hinzu. Nun bestand erstmals eine Alternative zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, deren weltanschaulicher Hintergrund für viele eine Barriere war, und es kam zu einer ersten Umstellungswelle auf biologischen Landbau.

Diversifizierung, Förderung und staatlicher Schutz

In der Folge entstanden weitere Anbauverbände: Biokreis (1979, regionaler Schwerpunkt), Naturland (1982, Initiative wissenschaftlich orientierter Landwirte und Verbraucher) sowie Ecovin (1985, Weinbau). Alle Verbände schlossen sich 1988 in der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) zusammen. Diese definierte in gemeinsamen Basisrichtlinien den Mindeststandard des ökologischen Landbaus und nahm die politische Interessenvertretung wahr.
1989 wurde der ökologische Landbau erstmals staatlich durch die EU gefördert. Damit wurde er zunehmend auch wirtschaftlich eine Alternative. Dies leitete eine zweite Umstellungswelle ein, zu der großflächige ostdeutsche Betriebe wesentlich beitrugen. Diese organisierten sich zunächst vor allem in dem 1989 noch in der DDR gegründeten Bio-Verband Gäa und in dem 1991 nach der Wiedervereinigung Deutschlands entstandenen Verband Biopark. 1996 entstand Ecoland als regionaler Verband. Parallel zu den Anbauverbänden gründeten Verarbeiter und Händler eigene Verbände: Verband der Reformhäuser (1927), Bundesverbände Naturkost Naturwaren Herstellung und Handel sowie Einzelhandel (1988), Assoziation Ökologischer Lebensmittelhersteller (2001) und Verband der Bio-Supermärkte (2005). Zum Schutz von Verbrauchern und redlichen Marktteilnehmern in einem sich rasant entwickelnden Markt (» Frage 15) unterliegt die ökologische Lebensmittelwirtschaft seit 1991 durch die EU-Öko-Verordnung (» Frage 3) der staatlichen Regelung. 2002 löste sich die AGÖL auf. Als neuer branchenübergreifender Spitzenverband aller Anbau-, Verarbeitungs- und Handelsverbände gründete sich im selben Jahr der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).
Obwohl in den letzten Jahrzehnten der Druck auf die konventionelle Landwirtschaft zugenommen hat, umweltfreundlicher und nachhaltiger zu wirtschaften, haben sich die Umweltprobleme weiter verschärft. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche: Landwirtschaft soll nicht nur das Recht auf Nahrung sichern, sondern auch Energie und Rohstoffe für die Industrie bereitstellen. Darüber, ob dies nachhaltig mit einer weiteren Industrialisierung oder mit dem ökologischen Landbau erreicht werden kann, ist ein Richtungsstreit entbrannt. Der Weltagrarbericht [8] und Felix zu Löwenstein [9] kommen zu einem eindeutigen Urteil: Die Welt wird sich ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Haber, W. (1996): Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft für die Kulturlandschaft. In: Linckh et al.: Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft. Expertisen. Springer Verlag. Berlin, Heidelberg, S. 1-26

[2] Gerber, A. (1999): Umweltgerechte Landbewirtschaftung in der landwirtschaftlichen Berufsbildung. Situationsanalyse und Perspektivenentwicklung am Beispiel Baden-Württembergs. Margraf Verlag, Weikersheim. S. 12, 25 ff.

[3] Bauemer, K. (1986): Umweltbewusster Landbau: Zurück zu den Ideen des 19. Jahrhunderts? In: Berichte über Landwirtschaft 64, S. 153-169

[4] Bauemer, K. (1995): Ziele der Agrar- und Umweltforschung. Mitteilungen der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft 78, S. 215-230

[5] Vogt, G. (2000): Entstehung und Entwicklung des Ökologischen Landbaus. Ökologische Konzepte 99. Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL)

[6] Klett, M. (1994): Bewußtseinsgeschichtliche Aspekte zur Entwicklung des biologisch-dynamischen Landbaus im 20. Jahrhundert. In: Lebendige Erde, 5, S. 338

[7] Gerber, A., Hoffmann, V. und Kügler, M. (1996): Das Wissenssystem im ökologischen Landbau in Deutschland. Zur Entstehung und Weitergabe von Wissen im Difussionsprozeß. In: Berichte über Landwirtschaft 74, S. 591-627

[8] International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (2008): „Agriculture at a Crossroads“ (Weltagrarbericht), www.agassessment.org

[9] Löwenstein, F. zu (2011): Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr. Pattloch Verlag, München.

Inhetveen, H., Schmitt, M. und Spieker, I. (2003): Pionierinnen des ökologischen Landbaus. Herausforderungen für Geschichte und Wissenschaft. In: Freyer, B. (Hrsg.): Ökologischer Landbau der Zukunft. Beiträge zur 7. Wissenschaftstagung zum Ökologischen Landbau. Wien, S.427-430, www.orgprints.org/2034/