Bundesarchiv, Bild 183-H0828-0206-002 | Reformhaus in der Karl-Marx-Allee, Berlin 1969
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Wie ist die Ökologische Landwirtschaft entstanden?

Tradition und Innovation: Die Geschichte der Ökolandwirtschaft in Deutschland

Die Ökologische Landwirtschaft entstand als Antwort auf ökologische und ökonomische Krisen im 20. Jahrhundert. Vor allem aus ethischen Gesichtspunkten setzten die Bio-Pioniere bestimmte Betriebsmittel und Handlungsweisen nicht ein und entwickelten ein besonders umwelt- und tiergerechtes Landbausystem, das heute Leitbild für eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft ist.

Die Aufgabe des traditionellen Gemischtbetriebs als Ausgangspunkt

Traditionelle Landwirtschaft war nicht immer umweltfreundlich: Über Jahrhunderte hinweg wurde am Wald Raubbau betrieben, der als Weidefläche und zur Entnahme von Holz, Futter und Einstreu genutzt wurde. Durch diese einseitige Wirtschaftsform brach das ‚Öko-System Wald‘ im 18. Jahrhundert zusammen [1]. Erst als Reaktion hierauf wurde die Tierhaltung an Ackerbau und Grünlandnutzung gebunden und die Dreifelderwirtschaft eingeführt. So entstanden ökologisch stabile, nachhaltige und an den ökologischen Gegebenheiten des Standorts ausgerichtete Betriebe. Das Thaer’sche Axiom, den landwirtschaftlichen Betrieb wie ein Gewerbe als optimierten Input-Output-Betrieb zu führen (1832), das Postulat des Chemikers Justus von Liebig, den Nährstoffentzug durch die Pflanzen durch außerbetriebliche Zufuhr zu ersetzen (1840), und die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens zur synthetischen Stickstoffherstellung (1916) führten zur Loslösung von dieser natürlichen Produktionsbegrenzung. Der intensive Einsatz von mineralischem Dünger, Pestiziden und Wachstumsreglern waren die Folgen [2; 3; 4] und führten mit dem ökonomischen Zwang zur Produktivitätssteigerung durch Spezialisierung und Rationalisierung zu erheblichen negativen Umweltwirkungen durch die Landwirtschaft [2]. Bereits in den 1920-er Jahren suchten Menschen aus dem Umfeld der anthroposophischen und der Lebensreform-Bewegung Auswege aus der sich in der Landwirtschaft anbahnenden ökologischen Krise [5].

Biologisch-dynamische Wirtschaftsweise und natürlicher Landwirtschaft

Die Lebensreform-Bewegung wollte eine natürliche und naturgemäße Lebensweise erreichen. Sie betrieb Selbstversorgergärten mit dem Ziel, hohe Nahrungsmittelqualität zu erreichen, nach folgenden Grundsätzen [5]: weitgehend viehlose Bewirtschaftung, an Kleinbetriebe angepasste Technologien, biologisches Verständnis von Bodenfruchtbarkeit und Humuswirtschaft. Die Lebensreform-Bewegung blieb eine zeitlich befristete Erscheinung. Dennoch sorgte mit Ewald Könemann (1899-1976) einer ihrer Pioniere dafür, dass in den Folgejahren wichtige Erkenntnisse den Eingang in die Entwicklung der Ökologischen Landwirtschaft fanden. In Sorge um die Lebensmittelqualität und die abnehmende Fruchtbarkeit des Bodens und der Tiere baten anthroposophische Landwirte, Tierärzte und Forscher den Begründer der Anthroposophie, Rudolph Steiner (1861-1925), um Rat [6]. Mit dem daraufhin an Pfingsten 1924 von Steiner gehaltenen ‚Landwirtschaftlichen Kurs‘ wurde die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise begründet. Sie zeichnet folgende Besonderheiten aus: Anthroposophie als (Verständnis-)Grundlage, Einsatz von biologisch-dynamischen Präparaten, obligatorische Haltung von Wiederkäuern und die Beachtung kosmischer Rhythmen. Ihr Prinzip, jeden landwirtschaftlichen Betrieb als Individualität und eine Art Organismus zu betrachten, wurde Ausgangspunkt und Grundsatz der gesamten Ökologischen Landwirtschaft. Auch ein zweites bis heute wesentliches Prinzip wurde von der biologisch-dynamischen Bewegung in den 1960er-Jahren begründet: Mit einem Warenzeichen ‚demeter‘, unter dem die Produkte vermarktet werden, wird der in privatwirtschaftlichen Richtlinien festgelegte und kontrollierte Erzeugungs- und Verarbeitungsprozess dokumentiert [7].

Organisch-biologischer Landwirtschaft und erste Ausdehnungsphase

Der Botaniker und Politiker Hans Müller (1891-1988) wollte die Existenz kleinbäuerlicher Familienbetriebe in der Schweiz sichern. Er gewann Betriebe, die vom Zukauf an Betriebsmitteln möglichst unabhängig sind, wofür er den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit durch pflegliche und intensive Nutzung des wirtschaftseigenen Düngers als wesentlich ansah. Müllers Frau, Maria (1894-1969), entwickelte die praktische Umsetzung und legte damit die Grundlage für die organisch-biologische Landwirtschaft. Wissenschaftlich wurde diese Entwicklung flankiert durch Hans-Peter Rusch (1906-1977) und seine Hypothese des Kreislaufs von lebender Substanz (Mikroorganismen) durch die Glieder der Nahrungskette (Boden – Pflanze – Tier – Mensch). Die zunehmende Umweltschädigung durch die Landwirtschaft im 20. Jahrhundert wurde für konservative Individualisten unter den Bauern, denen religiöse, ethische und gesundheitliche Fragen wichtig waren, zum Problem. So stießen die Ideen der organisch-biologischen Landwirtschaft bei ihnen auf reges Interesse; 1971 gründeten sie in Südwestdeutschland den ‚Verband für organisch-biologischen Landbau‘ (seit 1979 Bioland). Aus der Umweltbewegung kamen ‚Aussteiger‘ als neue Bio-Bauern hinzu. Nun bestand erstmals eine Alternative zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, deren weltanschaulicher Hintergrund bisher für viele eine Barriere war, und es kam zu einer ersten Umstellungswelle auf biologische Landwirtschaft.

Diversifizierung, Förderung und staatlicher Schutz

In der Folge entstanden weitere Anbauverbände: Biokreis (1979, regionaler Schwerpunkt), Naturland (1982, Initiative wissenschaftlich orientierter Landwirte und Verbraucher) sowie Ecovin (1985, Weinbau). Alle Verbände schlossen sich 1988 in der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) zusammen. Diese definierte in gemeinsamen Basisrichtlinien den Mindeststandard der Ökologischen Landwirtschaft und nahm die politische Interessenvertretung wahr.

1989 wurde die Ökologische Landwirtschaft erstmals staatlich durch die EU gefördert. Damit wurde sie noch viel stärker auch wirtschaftlich eine Alternative,  was eine zweite Umstellungswelle einleitete, zu der großflächige ostdeutsche Betriebe wesentlich beitrugen. Diese organisierten sich zunächst vor allem in dem 1989 noch in der DDR gegründeten Bio-Verband Gäa und in dem 1991 nach der Wiedervereinigung Deutschlands entstandenen Verband Biopark. 1996 entstand Ecoland als weiterer regionaler Verband. Parallel zu den Anbauverbänden gründeten Verarbeiter und Händler eigene Verbände: Verband der Reformhäuser (1927), Bundesverbände Naturkost Naturwaren Herstellung und Handel sowie Einzelhandel (1988, Fusion zum Bundesverband Naturkost Naturwaren im Jahr 2013), Assoziation Ökologischer Lebensmittelhersteller (2001), Verband der Bio-Supermärkte (2005) sowie die Arbeitsgemeinschaft Ökologisch engagierter Lebensmittelhändler und Drogisten (2017). Zum Schutz von Verbrauchern und redlichen Marktteilnehmern in einem sich rasant entwickelnden Markt unterliegt die Ökologische Lebensmittelwirtschaft seit 1991 durch die EU-Öko-Verordnung der staatlichen Regelung.

2002 löste sich die AGÖL auf. Als neuer branchenübergreifender Spitzenverband aller Anbau-, Verarbeitungs- und Handelsverbände gründeten die Bio-Akteure noch im selben Jahr den Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), der seitdem die politische Vertretung der Branche als deutscher Dachverband wahrnimmt.

Obwohl in den letzten Jahrzehnten der Druck auf die konventionelle Landwirtschaft immer stärker zunimmt, umwelt-, klima- und tierfreundlicher zu wirtschaften, verschärfen sich die Umweltprobleme weiter. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche: Landwirtschaft soll nicht nur das Recht auf Nahrung sichern, sondern zugleich ressourcenfreundlich wirtschaften und auch Energie und Rohstoffe für die Industrie produzieren. Darüber, ob dies nachhaltig mit einer weiteren Industrialisierung oder mit der Ökologischen Landwirtschaft erreicht werden kann, ist ein Richtungsstreit entbrannt. Doch nicht nur die Autoren des Weltagrarberichts [8] und Felix zu Löwenstein [9] kommen zu einem eindeutigen Urteil: Die Welt wird sich ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.

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Quellen

[1] Haber, W. (1996): Bedeutung der Land- und Forstwirtschaft für die Kulturlandschaft. In: Linckh et al.: Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft. Expertisen. Springer Verlag. Berlin, Heidelberg, S. 1-26.

[2] Gerber, A. (1999): Umweltgerechte Landbewirtschaftung in der landwirtschaftlichen Berufsbildung. Situationsanalyse und Perspektivenentwicklung am Beispiel Baden-Württembergs. Margraf Verlag, Weikersheim. S. 12, 25 ff.

[3] Bauemer, K. (1986): Umweltbewusster Landbau: Zurück zu den Ideen des 19. Jahrhunderts? In: Berichte über Landwirtschaft 64, S. 153-169.

[4] Bauemer, K. (1995): Ziele der Agrar- und Umweltforschung. Mitteilungen der Deutschen Bodenkundlichen Gesellschaft 78, S. 215-230.

[5] Vogt, G. (2000): Entstehung und Entwicklung des Ökologischen Landbaus. Ökologische Konzepte 99. Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL)

[6] Klett, M. (1994): Bewußtseinsgeschichtliche Aspekte zur Entwicklung des biologisch-dynamischen Landbaus im 20. Jahrhundert. In: Lebendige Erde, 5, S. 338.

[7] Gerber, A., Hoffmann, V. und Kügler, M. (1996): Das Wissenssystem im ökologischen Landbau in Deutschland. Zur Entstehung und Weitergabe von Wissen im Difussionsprozeß. In: Berichte über Landwirtschaft 74, S. 591-627.

[8] International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (2008): „Agriculture at a Crossroads“ (Weltagrarbericht)

[9] Löwenstein, F. zu (2011): Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr. Pattloch Verlag, München.

Inhetveen, H., Schmitt, M. und Spieker, I. (2003): Pionierinnen des ökologischen Landbaus. Herausforderungen für Geschichte und Wissenschaft. In: Freyer, B. (Hrsg.): Ökologischer Landbau der Zukunft. Beiträge zur 7. Wissenschaftstagung zum Ökologischen Landbau. Wien, S.427-430.