12. Womit werden Bio-Tiere gefüttert? Artgemäßes Futter in ökologischer Qualität

Im ökologischen Landbau werden die Tiere weitgehend in den Betriebskreislauf integriert. Das bedeutet, dass nur so viele Tiere gehalten werden, wie von der Betriebsfläche am betreffenden Standort ernährt werden können. Eine solche flächengebundene Tierhaltung stellt sicher, dass es nicht zu schädlichen Umweltwirkungen kommt. Gleichzeitig wird auf eine artgemäße Fütterung der Tiere geachtet, die ihren ernährungsphysiologischen und artspezifischen Bedürfnissen gerecht wird.

Enge Kopplung von Futtererzeugung und Tierhaltung

Im ökologischen Landbau wird die Tierhaltung möglichst vollständig in das individuelle Betriebssystem integriert (» Frage 6). Die Anzahl der Tiere pro ha landwirtschaftlicher Nutzfläche ist daher im Mittel deutlich niedriger als auf konventionellen Tierhaltungsbetrieben. Dieser systemorientierte Ansatz stellt eine angepasste Wirtschaftsdüngerversorgung sicher, vermeidet unerwünschte Umwelteffekte wie beispielsweise Nitratauswaschungen und überhöhte Stickstoff-Emissionen in die Atmosphäre [1; 2]. Stickstoff, ein zentraler Nährstoff für das Pflanzenwachstum, ist im Öko-Betrieb ein knapper Faktor, da er nicht als mineralisches Düngemittel zugekauft werden darf. Deshalb wird auf Öko-Betrieben ein hoher Anteil an Leguminosen, etwa als Grasmischungen (Klee- oder Luzernegras) oder Körnerleguminosen (Erbsen, Bohnen, Lupinen, Sojabohnen), angebaut (» Frage 9). Diese dienen zugleich als vielseitig einsetzbare Futtermittel. Im Unterschied zur EU-Öko-Verordnung, die die enge Bindung von Futtererzeugung und Tierhaltung zwar als Grundsatz formuliert und für Wiederkäuer einen Mindestanteil von 60 % eigenem Futter vorgibt, im Bedarfsfall für Monogaster aber auch den Einsatz von bis zu 80 % zugekaufter Öko-Futtermittel zulässt, geben die deutschen Bio-Anbauverbände einen Mindestanteil für die eigene Futtererzeugung von 50 % für alle Nutztierarten (60 % für Wiederkäuer) vor. Diese Anforderung kann auch mit Hilfe regionaler Kooperationen mehrerer Bio-Betriebe erfüllt werden [3; 4].
Das Ziel der weitgehenden Eigenversorgung wird – insbesondere bei Geflügel und Schweinen – in den meisten Betrieben nur bedingt erreicht, da nicht auf allen Standorten die für eine ausgewogene Ration notwendigen Futtermittel erzeugt werden können. Hier ist der Zukauf hochwertiger Komponenten und
die Zusammenarbeit mit zertifizierten Mischfutterherstellern notwendig [5]. Gezielt werden auch in der ökologischen Lebensmittelverarbeitung anfallende Reststoffe als Futtermittel verwendet [5; 6]. Hierzu zählen wertvolle Eiweißkomponenten (z. B. Ölkuchen aus der Ölpressung von Raps-, Lein- oder Sonnen-blumensaat, Sojapülpe aus der Tofuherstellung), aber auch andere Futtermittel (z. B. Rübenschnitzel aus der Zuckerherstellung).

Für Wiederkäuer müssen 100% der Futtermittel aus ökologischer Erzeugung stammen.
Für Wiederkäuer müssen 100% der Futtermittel aus ökologischer Erzeugung stammen.

Bedarfsgerechte und artgemäße Fütterung

Aufgrund der unterschiedlichen Ansprüche hat jede Nutztierart eine spezifische ökologische Funktion im Kreislaufgeschehen des Betriebssystems, wenn auch einzelbetrieblich ein Trend zur Spezialisierung auf eine Tierart festzustellen ist. Wiederkäuer können sowohl leichtverdauliche, vor allem aber auch faserhaltige, für die menschliche Ernährung nicht direkt einsetzbare Pflanzenteile (z. B. Grünlandaufwüchse, Kleegras) verwerten. Daher spielen sie im ökologischen Landbau mit seinem hohen Kleegras- und Dauergrünlandanteil eine herausragende Rolle.
Weidegang ist, wo immer möglich, im Sommerhalbjahr vorgeschrieben [4; 7]. Der Kraftfuttereinsatz variiert stark in Abhängigkeit von Region, genetischer Veranlagung der Tiere (Leistungsvermögen), Verkehrslage und Flächenausstattung des Betriebes [6; 8]. Er liegt jedoch im Schnitt deutlich unter dem Niveau konventioneller Betriebe, zum einen aufgrund der hohen Kosten für Öko-Kraftfutter, zum anderen um die natürlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Wiederkäuer als Grobfutterverwerter besser zu berücksichtigen.
Auch monogastrische (Schweine und Geflügel) Nutztierarten erhalten in geringen Teilen Raufutter, sind aber auf hochwertige konzentrierte Futtermittel angewiesen. Insbesondere die Ansprüche an die Eiweißkomponenten, an essenzielle schwefelhaltige Aminosäuren sowie Lysin sind hoch und aufgrund der üblichen überwiegend vegetarischen Ernährung bei den von Natur aus allesfressenden Tierarten nicht einfach zu erfüllen. Die art- und bedarfsgerechte Fütterung ist in hohem Maße verantwortlich für die Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit der Tiere. Im Rahmen einer bedarfs- und leistungsgerechten Versorgung ist z. B. der Einsatz von ausgewählten Futtermittelzusatzstoffen wie Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen notwendig [9]. Es dürfen nur Futtermittel eingesetzt werden, die nach EU-Öko-Verordnung als Bio-Futtermittel zertifiziert sind.
Auch die Mischfutterherstellung und Kennzeichnung für Öko-Futtermittel unterliegt den detaillierten Regelungen der Verordnung [10]. Für die grobe Orientierung bei der Rationsplanung werden auch im ökologischen Landbau die Bedarfsnormen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) beachtet [11], auch wenn deren Ableitung nicht immer der Situation im ökologischen Landbau entspricht und insofern Anpassungen notwendig sind. Letztlich gewährleisten aber nur eine sorgfältige Rationskontrolle und Tierbeobachtung die Vermeidung fütterungsbedingter Krankheiten und die Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte gegen spezifische Erreger [1; 5; 7; 12; 13]. Futtermittel mit leistungssteigernden Zusätzen oder ökologisch bedenklichen Inhaltsstoffen wie rückstandsbildenden Medikamenten (z. B. Kokzidiostatika) oder gentechnisch veränderten Bestandteilen sind im Öko-Landbau ebenso verboten wie eine reine Ausrichtung der Fütterung auf Höchstleistung für die Milch-, Eier- oder Fleischproduktion [4].

100 % Bio-Futter in weiten Teilen umgesetzt

Lange Zeit war es so, dass in einem geringen Umfang von 10 bzw. 20 % (je nach Tierart) auch konventionelle Bestandteile in den Futterrationen für Bio-Tiere enthalten sein durften, da einige für eine bedarfsgerechte Rationsgestaltung notwendige Futtermittel nicht ausreichend in Öko-Qualität verfügbar waren. Der konventionelle Anteil wird jedoch nach und nach reduziert [14]. Bei Wiederkäuern (Ausnahme Wanderschäferei) kann bereits gewährleistet werden, dass 100 % der Futtermittel landwirtschaftlichen Ursprungs aus ökologischer Erzeugung stammen – davon maximal 30 % (bei Eigenerzeugung maximal 100 %) von Umstellungsflächen. Bei Schweinen und Geflügel ist von der EU-Öko-Verordnung ein Stufenplan vorgegeben [14]. Bis Dezember 2014 sind noch 5 % konventionelle Eiweiß-Futtermittel zulässig. Auch hier sind einige deutsche Anbauverbände bereits weiter und schränken die betreffenden Nutztierkategorien und die Auswahl der konventionellen Futtermittelkomponenten weiter ein [3; 5].Diese sehr spezifischen Vorgaben verdeutlichen das Bemühen, den Einsatz konventioneller Futtermittel aus Qualitätssicherungsgründen zu minimieren, ohne dabei die Anpassungsmöglichkeiten der Tiere zu überfordern. Die ökologisch erzeugten Komponenten lassen zwar bei richtiger Rationszusammenstellung eine vollwertige Fütterung zu [5; 6; 15]. Gerade bei der Jungtierversorgung bei Schweinen und Geflügel bestehen jedoch noch Wissens- bzw. Versorgungslücken [16]. Einzelne Betriebe praktizieren allerdings auch hier bereits eine hundertprozentige Bio-Fütterung [15; 17].

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] KTBL und Bioland (Hrsg.) (2006): Gesunde Milchkühe im ökologischen Landbau – ein Leitfaden für die Praxis. KTBL Heft 55, Darmstadt.

[2] Umweltbundesamt (2002): Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Erich Schmidt Verlag, Berlin.

[3] Eine Zusammenstellung der Richtlinien der Bioanbauverbände ist abrufbar unter www.oekoregelungen.de http://www.oekoregelungen.de/private_richtlinien.php?id=205

[4] Verordnung (EU) 734/2007, Artikel 14 Vorschriften für die tierische Erzeugung, aktuelle Fassung abrufbar unter www.eur-lex.europa.eu http://www.raumberg-gumpenstein.at/cms/index.php?option=com_docman&Itemid=53&task=cat_view&gid=162

[5] Deerberg, F., Joost-Meyer zu Bakum, R. und Staak, M. (Hrsg.) (2004): Artgerechte Geflügelerzeugung – Fütterung und Management. Bioland-Verlag, Mainz.

[6] Schumacher, U. (Hrsg.) (2002): Milchviehfütterung im ökologischen Landbau. Bioland-Verlag, Mainz.

[7] Abel, H.J. und Isselstein, J. (2005): Analyse und Bewertung zu Stand und Entwicklungsmöglichkeiten von Futterbau und Tierernährung im ökologischen Landbau – Themenbezogenes Netzwerk Tierernährung im ökologischen Landbau. BLE, Bundesprogramm Ökologischer Landbau, www.orgprints.org/5902 http://www.orgprints.org/5902/

[8] Sundrum A. und Schumacher, U. (2004): Milchviehfütterung unter systemorientierten Gesichtspunkten in der ökologischen Landwirtschaft. Proceedings of the Society of Nutrition Physiology 13, S. 183 f.

[9] Leisen, E., Heimberg, P. und Höltershinken, M. (2005): Mineralstoffversorgung bei Rindern und Kühen auch im Öko-Landbau überprüfen. In: Heß, J. und G. Rahmann (Hrsg.): Ende der Nische. Beiträge zur 8. Wissenschaftstagung ökologischer Landbau, Universitätsverlag, Kassel, S. 379 f.

[10] Verordnung (EU) 834/2007, Artikel 18, Öko-Futtermittel-herstellung, abrufbar unter www.eur-lex.europa.eu > Amtsblatt.http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/de/oj/2003/l_031/l_03120030206de00030008.pdf

[11] Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) (2001/1999/1987): Empfehlungen zur Energie und Nährstoffversorgung der Milchkühe und Aufzuchtrinder/der Legehennen und Masthühner/der Schweine. DLG-Verlag, Frankfurt/Main.

[12] Bestman, M. (2002): Kippen houden zonder verenpikken. Louis Bolk Instituut, Driebergen.

[13] Drerup, C. und Kempkens, K. (2004): Fütterungscontrolling in ökologisch wirtschaftenden Milchviehbetrieben in Nordrhein-Westfalen. Proceedings of the Society of Nutrition Physiology 13, S. 185 f.

[14] Verordnung (EU) 889/2008: Artikel 19 und Artikel 43 Regelungen zur Futtermittelherkunft, aktuelle Fassung abrufbar unter www.eur-lex.europa.eu oder unter www.oekolandbau.nrw.de > Fachinfo > Tierhaltung. http://www.oekolandbau.nrw.de/fachinfo/tierhaltung/futtermittel.html

[15] Deerberg, F. (2005): 100 % Bio-Futter für die Hühner. Bioland 1, S. 16 f.

[16] Sedding, S. et al. (2005): Gekeimte Samen als Futtermittel. In: Heß, J. und G. Rahmann (Hrsg.): Ende der Nische. Beiträge zur 8. Wissenschaftstagung. Ökologischer Landbau, Universitätsverlag, Kassel, S. 389 f.

[17] Bussemas R. und Widmaier, A. (2011): Biologische Schweinehaltung – Praxis, Probleme, Perspektiven, 3. Aufl. 2011, Bioland Verlag, Mainz.