Die ökologische Tierzucht steht aufgrund ihres hohen Aufwands bei verhältnismäßig kleinen Tierbeständen und wenigen verfügbaren Tieren erst am Anfang. Anzustreben sind verschiedene Rassen mit ausgeprägter genetischer Diversität, die der Vielfalt an Betriebstypen, -größen und Standortvoraussetzungen gerecht werden. Da es seit Beginn der ökologischen Landwirtschaft keine eigenständige Öko-Tierzüchtung gab, waren und sind die Bio-Betriebe auf konventionell gezüchtete Tiere angewiesen. Doch die Genotypen, die unter konventionellen Bedingungen die besten Leistungen erbringen, sind nicht immer identisch mit den besten Tieren für den ökologischen Landbau.

Vitale und leistungsstarke statt nur auf Leistung getrimmte Tiere

Die konventionelle Züchtung zielt einseitig auf kurzfristig erbrachte Hochleistung. Dies führt zu zahlreichen Problemen, die sich z.B. in einer verminderten Fruchtbarkeit, vermehrter Krankheitsanfälligkeit und einer kürzeren Lebensdauer der Tiere zeigen, und in der Folge auch zu ökonomischen Einbußen [8].Konventionelle Zucht kann auch Qualzucht sein. Beispiele dafür sind Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus bei Legehennen oder Knochendeformationen bei Mastgeflügel, die arteigenes Verhalten unmöglich machen [5; 8]. Die auf einseitige Maximierung der Legeleistung zielende Zucht von Legehennen-Hybriden führt zur Tötung der männlichen Küken unmittelbar nach der Geburt, in Deutschland sind dies jährlich ca. 40 Mio. Küken [8]. Die immer kürzer werdende Nutzungsdauer von Milchkühen ist u.a. züchtungsbedingt - heute lebt eine Kuh der Rasse Holstein Friesian durchschnittlich weniger als fünf Jahre. Sie erreicht so weder den Zeitpunkt ihres Leistungsmaximums nach einer ausgereiften Entwicklung noch annähernd ihre natürliche Lebensspanne [6]. Problematisch ist, dass Bio-Betriebe mangels Alternative in starkem Maße auf die Nutzung dieser Rassen angewiesen sind. Zusätzlich stellt der systemische Ansatz der Bio-Betriebe mit standortangepasster Tierhaltung, hofeigenem Futter und artgerechten Haltungsbedingungen besondere Herausforderungen an die Tiere. Daraus ergeben sich spezifische Zuchtziele für Bio-Tiere [8]:

-  verlässliche Lebensleistung im Gegensatz zu kurzfristiger Maximalleistung
-  hohe Grundfutteraufnahme und gute Futterverwertung
-  Mehrfachnutzung (Rind: Fleisch- und Milchausprägung, Geflügel: Eier- und          Fleischerzeugung)
-  Robustheit und Vitalität
-  Sozialverhalten
-  Anpassung an sich verändernde (Umwelt-)Bedingungen (z.B. Futterangebot,       Wetterverhältnisse)

Im ökologischen Landbau ist die Lebensleistung ein wichtiges Zuchtziel.

Embryotransfer und genetische Einfalt

BÖLW_Tierzucht_Ökolandbau

Jede Woche stirbt weltweit mindestens eine Nutztierrasse aus, wodurch ihr Erbgut unwiederbringlich verloren geht. Der Großteil der Tierbestände setzt sich aus wenigen Hochleistungs-Tierrassen zusammen, die Zucht ist zunehmend monopolisiert organisiert [5].

Hinzu kommt, dass das Erbgut einzelner Hochleistungstiere durch künstliche Besamung zigtausendfach vermehrt wird. Eine ökologisch ausgerichtete Zucht wählt demgegenüber Ziele und Methoden, die ethisch, ökologisch und ökonomisch langfristig tragbar sind und mit denen Tiere angemessene Leistungen sowie eine hohe Produktqualität hervorbringen können. Die Verfügbarkeit geeigneter Tiere wird jedoch durch die industrielle Zucht erschwert; bei den Holstein Friesian (HF) stammen z.B. bereits ca. 80 % aller Bullen aus Embryotransfer [6]. Eine ausführliche Bewertung der Zuchtmethoden wurde im Rahmen des Netzwerks "Ökologische Tierzucht" vorgenommen: Der ökologische Landbau zieht den Trennstrich nach der künstlichen Besamung, indem diese toleriert wird, aber die Anwendung des Embryotransfers auf Betriebsebene nach EU-Öko-Verordnung verboten ist. In der Schweiz ist sogar der Einsatz von Stieren (bzw. deren Sperma), die direkt aus einer Embryotransfer-Anpaarung stammen, verboten [1].
Die Entwicklung der letzten Jahre macht Mut, denn die ökologische Tierzucht wird immer breiter aufgegriffen: Seit 2010 gibt es an der Universität Kassel eine Professur für ökologische Tierzucht. Das Europäische Konsortium für ökologische Tierzucht (ECO AB) arbeitet seit 2007 auf europäischer Ebene in Forschungs- und Entwicklungsfragen zusammen. Von der EU wird das Projekt „LowInputBreeds” gefördert, dass sich unter Federführung der Universität Newcastle und des FiBL Schweiz mit integrierten
Tierzuchtstrategien beschäftigt. 2011 wurde das erste europäische Symposium mit Experten der ökologischen Tierzucht veranstaltet. Und nicht zuletzt weil es vielfältige Überschneidungen zu den Zuchtzielen bäuerlicher Landwirtschaft gibt, erkennen auch viele konventionell wirtschaftende Landwirte die (wirtschaftliche) Bedeutung einer ökologischen Tierzucht.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Babst, B. (2007): Einschätzung von Reproduktions- und Züchtungstechniken in der ökologischen Tierzucht am Beispiel Rinderzucht, veröffentlicht vom Netzwerk ökologische Tierzucht.

[2] Hörning, B. et al (2011): Ansätze zu Alternativen in der Geflügelzucht. Vortrag: 11. Wissenschafts tagung ökologischer Landbau, Gießen, 15.-18. März 2011.

[3] Krogmeier, D. (2009): Der ökologische Gesamtzuchtwert für Kühe. In: Angewandte Forschung und Beratung für den ökologischen Landbau in Bayern Öko-Landbau-Tag 2009, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Freising-Weihenstephan, Nr. 7/2009, S. 27–34.

[4] Maurer, V. (2011): Poultry: Ethical Problems and Breeding Goals. Vortrag: First LowInputBreeds Symposium on Ethical Consideration in Livestock Breeding, Wageningen, 15./16. März 2011.

[5] Petschow, U. und Idel, A. (2004): Das globale Huhn. Prokla, Zeitschrift für kritische Sozial wissen schaft, 34/2, S. 263–285.

[6] Postler, G. und Huismann, S. (2010): Erhalt und Ausbau bewährter Kuhlinien in der ökologischen Rinderzucht, Forschungsinstitut für ökologische Tierzucht (FIT), Glonn.

[7] Reuter, K. (2007): Eine eigenständige Tierzucht für den Ökolandbau – jetzt!, In: Ökologie & Landbau 02/2007, Bad Dürkheim.

[8] Rusche, B. et al (2009): „Tierschutzproblem Hochleistungszucht“, Sonderdruck du & das tier, Bonn.

9] Spengler Neff, A. (2011): Neue Ansätze für die ökologische Milchrinderzucht, Dissertation Universität Kassel, Kassel-Witzenhausen.

www.lowinputbreeds.org
www.eco-ab.org
www.tierzuchtfonds.de
www.arge-ll.de
www.g-e-h.de