6 Was ist Ökologischer Landbau? Ausgangspunkt und Ideal: der weitgehend in sich geschlossene Betriebsorganismus

Der ökologische Landbau folgt dem Organisationsprinzip eines weitgehend in sich geschlossenen Betriebsorganismus: Bodennutzung und Viehhaltung werden dem Standort individuell angepasst und innerhalb des Betriebes organisatorisch verbunden. Zyklische Prozesse und Kreislaufwirtschaft bestimmen die umweltverträgliche Erzeugung von Lebensmitteln hoher Qualität und sichern langfristig die natürlichen Produktionsgrundlagen. Die Vielfalt der angebauten Kulturen und Tierarten erhält die Stabilität und Belastbarkeit der Agrar-Öko-Systeme. Dadurch werden positive ökologische Leistungen für Umwelt, Naturschutz, Artenvielfalt und Landschaftsbild erbracht.

Stimulierung natürlicher Prozesse

Jede Form der Landbewirtschaftung ist ein Eingriff in die Natur. Im ökologischen Landbau soll die Bewirtschaftung so erfolgen, dass die natürlichen Wechselbeziehungen des Öko-Systems genutzt und gefördert werden. Um Ertrag und Qualität zu erhöhen, werden die natürlichen Prozesse, die die Grundlage der landwirtschaftlichen Produktion bilden, angeregt.
Ein System so zu stimulieren, ist nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn die ergriffene Maßnahme dem Wirkungsprinzip der natürlichen Vorgänge entspricht [1]. Mit dem Verfahren des ökologischen Landbaus werden die Öko-Systeme in ihren Funktionen genutzt und dennoch erhalten. Nicht erneuerbare Energie- und Rohstoffquellen werden geschont und der Bio-Betrieb wie ein Organismus verstanden und entwickelt. Es werden möglichst geschlossene (keine abgeschlossenen) Stoff- und Energiekreisläufe angestrebt. Das bedeutet, dass der Einsatz von externen Produktionsmitteln stark beschränkt oder im Falle von synthetisch hergesteltem Stickstoffdüngern, chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und Wachstumsreglern, ganz verboten ist. und damit auf Maximalerträge verzichtet wird. Landwirtschaftliches Handeln ist auf seine Folgen hin ausgerichtet. Damit sollen negative Auswirkungen auf die in der Landwirtschaft tätigen Menschen, die Nutztiere, den Boden, das Naturalprodukt, die Umwelt und den Verbraucher minimiert werden [2;6]. Mit diesem verantwortungs- und ethisch motivierten ganzheitlichen Ansatz begründet der ökologische Landbau seinen Anspruch auf besondere Umwelt- und Sozialverträglichkeit.

"Landwirtschaftliche Individualitäten" durch Standortanpassung

Wird der landwirtschaftliche Betrieb als "Betriebsorganismus" betrachtet, so muss er mit Fruchtfolgegestaltung, Sortenwahl sowie seinen Tierarten und -rassen "organisch" an die Standortgegebenheiten angepasst werden. Idealerweise erfolgen Standortanpassung und Bewirtschaftung individuell und relativ kleinräumig und führen so zu "landwirtschaftlichen Individualitäten". Dieser Sachverhalt setzt Normierungen und Regelungen Grenzen. Gleichwohl wird dem Verbraucherschutz mit verbindlichen Richtlinien für Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung Rechnung getragen [2;6] (» Frage 3).

Die Bodenfruchtbarkeit erhalten und steigern ist Ziel und Grundlage stabiler ökologischer Landbausysteme.
Die Bodenfruchtbarkeit erhalten und steigern ist Ziel und Grundlage stabiler ökologischer Landbausysteme.

Systemstabilität durch Vielfalt erhalten

Kernstück der Organisation des landwirtschaftlichen Betriebes und der Stabilisierung des Agrar-Ökosystems ist die Fruchtfolgegestaltung. Die Fruchtartenvielfalt (geplante Biodiversität auf den Produktionsflächen) ist wirksamstes Mittel zur Nutzung selbst regelnder Kräfte und Prozesse. Maßnahmen zur Ertragssicherung aller Kulturen auf hohem Ertragsniveau sind wichtiger als die Ertragsmaximierung einiger weniger Verkaufsfrüchte. Auch abseits der Produktionsflächen werden Nützlinge durch die Anlage von Begleitstrukturen (assoziierte Biodiversität wie z.B. Hecken, Säume, Raine, Gewässer) gefördert. So resultieren aus der Notwendigkeit der vielgestaltigen Betriebsorganisation umfängliche ökologische Leistungen für Naturschutz und Landschaftsbild [2] (» Frage 24).

Beispiel Nährstoffmanagement: Kreislaufwirtschaft realisieren

Das Nährstoffmanagement im ökologischen Landbau nutzt Strategien, die die begrenzten Nährstoffe dem pflanzlichen Wachstum vornehmlich betriebsintern verfügbar machen. Damit wird die Bodenfruchtbarkeit langfristig erhalten und entwickelt. Die Fruchtfolgegestaltung ist bei größtmöglicher Vielfalt ausgerichtet auf einen hohen Gehalt an umsetzbarer, organischer Substanz des Bodens, Anregung des Bodenlebens und optimierte Nutzung der positiven Effekte der jeweiligen Fruchtart auf nachfolgend angebaute Fruchtarten. Stickstoff wird durch umfänglichen Anbau von Futter- und Körnerleguminosen gewonnen - andere Pflanzennährstoffe durch Bodenbearbeitung, mikrobielle Aktivität und die Wurzelsysteme der Kulturpflanzen erschlossen. Vermeidungsstrategien minimieren Nährstoffverluste [3; 4]. Zum Ausgleich von Nährstoffverlusten sind zugelassene mineralische Düngemittel schwerlöslich oder nur wenig aufgeschlossen (» Frage 9). Die Tiere - vor allem Wiederkäuer - werden idealtypisch mit betriebseigenen Futtermitteln ernährt. Der von den Tieren gelieferte Wirtschaftsdünger erlaubt die ausreichende, gezielte örtliche und zeitliche Zufuhr von Nährstoffen zu den verschiedenen Betriebsflächen und Kulturen. Die flächengebundene Nutztierhaltung wird so zum Vermittler der innerbetrieblichen Kreislaufwirtschaft. Im ökologischen Landbau dienen tierische Ausscheidungen als hochwertiger Dünger. Sie werden möglichst verlustarm gewonnen, gelagert und auf die Kulturflächen zurückgeführt. Die weitgehend optimierte Kreislaufwirtschaft als Element der landwirtschaftlichen Betriebsorganisation ist damit beispielhaft für von der Gesellschaft gewünschte selbstbestimmte und eigenverantwortliche Lösungen. Damit steht der ökologische Landbau im Gegensatz zum konventionellen "Veredelungsbetrieb" mit Tierhaltung ohne hinreichende Flächenbindung: Dort werden tierische Ausscheidungen als Abfall angesehen, führen zu Nährstoffüberschüssen auf begrenzter Fläche und somit zu potenziellen Umweltbelastungen [5].
Der vorangehenden Beschreibung des Idealtypus entsprechen immer weniger Betriebe des ökologischen Landbaus. Denn auch dort zwingt wirtschaftlicher Druck zu Rationalisierung und Intensivierung. Der ökologische Landbau steht deshalb vor der Herausforderung, innovative Betriebskonzepte und Anbausysteme weiterzuentwickeln, die seinen Grundlagen entsprechen und wirtschaftlich erfolgreich sind. Vor allem in den Ackerbaugebieten stellen viele Betriebe um, die schon lange kein Vieh mehr halten - und damit weder Ställe noch kompetente Personen mit Erfahrung in der Viehhaltung haben und dem klassischen Gemischtbetriebskonzept nicht mehr entsprechen. Die EU-Öko-Verordnung erlaubt ihnen großzügig Nährstoff-Importe, wenngleich auch beschränkt auf organische Quellen. Die Verbände schränken diese Nährstoffzuflüsse deutlich ein und erlauben bspw. nur 40 kg N/ha - entsprechend etwa einem Drittel der benötigten Stickstoffmengen. Die größere Menge muss innerbetrieblich durch Leguminosen generiert werden. Manche Betriebe erweitern den Kreislauf überbetrieblich: In Kooperationsmodellen wird auf dem einen Betrieb das Vieh gehalten auf dem anderen das Futter erzeugt und die Nährstoffe aus der Tierhaltung eingesetzt. Umfassendere Erweiterungen der Kreislaufwirtschaft hin zu einem engeren Verbund von landwirtschaftlichen Betrieben und der lebensmittelverarbeitenden Industrie werden angestrebt und sind eine Funktion der weiteren Entwicklung der ökologischen Lebensmittelwirtschaft ingesamt (» Frage 2).

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Dewes, T. (1991): Zur Konzeption konventioneller und landwirtschaftlicher Betriebssysteme. Berichte über Landwirtschaft, 69, S. 354-364

[2] Köpke, U. (1994): Nährstoffkreislauf und Nährstoffmanagement unter dem Aspekt des Betriebsorganismus. In: Mayer et al. (Hrsg.): Ökologischer Landbau – Perspektive für die Zukunft! SÖL-Sonderausgabe Nr. 58, Bad Dürkheim, S. 54-113

[3] Köpke, U. (1994): Nährstoffmanagement durch acker- und pflanzenbauliche Maßnahmen. Berichte über Landwirtschaft 207, Sonderheft: Bodennutzung und Bodenfruchtbarkeit, Band 5, Bonn, S. 204-212

[4] Köpke, U. (2006): Bedeutung der Wirtschafts- und Sekundärrohstoffdünger für den Ökologischen Landbau. In: KTBL (Hrsg.): Verwertung von Wirtschaftsdüngern in der Landwirtschaft. Nutzen und Risiken. KTBL-Vortragstagung 19.-20.04.06 Osnabrück. KTBL-Schrift 444, KTBL e.V., Darmstadt, S. 39 – 49, abrufbar unter http://www.orgprints.org/8348/

[5] Köpke, U. (2006): Bedeutung der Wirtschafts- und Sekundärrohstoffdünger für den Ökologischen Landbau. In: KTBL (Hrsg.): Verwertung von Wirtschaftsdüngern in der Landwirtschaft. Nutzen und Risiken. KTBL-Vortragstagung 19.-20.04.06, Osnabrück. KTBL-Schrift 444, KTBL e.V., Darmstadt, S. 39-49, abrufbar unter www.orgprints.org/8348

[6] Kristiansen, P., Taji, A.M. und Reaganold, J.P. (Eds): Organic Agriculture - A Global Perspective. CABI Publishing, Wallingford, Oxon, United Kingdom 449 pp.