28. Braucht die Ökologische Lebensmittelwirtschaft eine eigene Forschung? Mit Innovationen Maßstäbe setzen

Jahrzehntelanges Erproben und viele Naturbeobachtungen von Landwirten machten den ökologischen Landbau zu einer bewährten Praxis. Die rasch steigende Nachfrage nach ökologischen Produkten und die großen Anforderungen des Marktes an die äußere Qualität, die Verfügbarkeit und die Sortimentsvielfalt stellen die ökologische Lebensmittelwirtschaft vor neue Herausforderungen, die nur mit Forschung gemeistert werden können. Der Weg, den die Öko-Forschung dabei geht, ist für die ganze Agrarforschung zukunftsweisend.

Mit der ökologischen Lebensmittelwirtschaft globale Herausforderungen meistern

Öko-Betriebe setzen auf erneuerbare Ressourcen und möglichst geschlossene Kreisläufe. Ein Beispiel dafür ist die Stickstoffdüngung. Hier setzt der ökologische Landbau auf einen Mix von Maßnahmen wie verlustarme Nutzung der Wirtschaftsdünger, Bodenbearbeitung und Stickstofftransfer in der Grünmasse (geeignete Abfolge der Feldfrüchte, Einbringen von Luftstickstoff durch Leguminosen, Zwischenspeichern von Nitratstickstoff in Grünpflanzen) [1] (» Frage 9). Dies erhöht auch die Fruchtbarkeit und die Humusgehalte der Böden, die Grundlagen nachhaltig guter Erträge und die Basis für eine klimaneutrale Landwirtschaft. Ebenso nachhaltig sind der Einbezug und die Mehrung der Funktionen der Öko-Systeme zur Erreichung produktiver Erträge. Speziell zu erwähnen ist die Vielfalt an Sorten, Arten, Habitaten und Landschaften, um Ertragsausfällen vorzubeugen. Oder die Funktionen des Bodens für die Nährstoffmobilisierung und den Ausgleich des Wasserhaushaltes sowie die Anwendung natürlicher Wirkstoffe und Organismen für die Regulierung von Schädlingen und Krankheitserregern.
Somit steht die Öko-Forschung bezüglich der Ziele weltweiter Politik, chemische Pestizide und Veterinärmedikamente in der Lebensmittelerzeugung massiv zu reduzieren, mit vielen praktikablen Lösungen an der Spitze.

Methodisch einzigartig

In ihrer Ausrichtung auf Kreislaufwirtschaft, Stärkung der Öko-Systeme und erneuerbare Energien sind die im Öko-Landbau Forschenden Vorreiter [2]. Sie nutzen dazu neben modernsten natur- und sozialwissenschaftlichen Methoden das reiche Erfahrungswissen von Praktikern. Und sie müssen individuell an lokale Bedingungen angepasste Lösungen suchen [3]. Die Praxis kann also nicht erst am Schluss als Adressat des Wissenstransfers einbezogen werden, sondern muss in der Forschung an der Erarbeitung der Lösungen gleichberechtigt partizipieren [4]. Diese Form der transdisziplinären Forschung hat den Vorteil, dass wissenschaftliche Innovation eine hohe Zustimmung in der Gesellschaft und bei den Praktikern findet. Die Forschung im Öko-Landbau soll vorwiegend inter- und transdisziplinär ausgerichtet sein [5]. Ein Beispiel: Die Eutergesundheit von Milchkühen nachhaltig zu verbessern, setzt eine Zusammenarbeit von Gründlandspezialisten, Fütterungsfachleuten, Tiermedizinern, Verhaltensforschern, Stallbau- und Melkmaschinenspezialisten sowie Milchqualitätsfachleuten und Ökonomen voraus. In der konventionellen Forschung wird das Problem in der Regel auf die Wechselbeziehung zwischen krankem Organ und pathogenen Bakterien reduziert. Dies führt allerdings nur zu kurzfristig besseren Lösungen, wie zum Beispiel der Entwicklung eines neuen Medikamentes, verursacht aber nachweislich neue Probleme, wie etwa die rasche Resistenz des Krankheitserregers oder die Qualitätsverminderung der Milch durch Rückstände.

Um die langfristigen Leistungen des ökologischen Landbaus zu zeigen, benötigt man Langzeituntersuchungen wie die des FiBL, in der seit 1978 biologische und konventionelle Anbausysteme miteinander verglichen werden [12].
Um die langfristigen Leistungen des ökologischen Landbaus zu zeigen, benötigt man Langzeituntersuchungen wie die des FiBL, in der seit 1978 biologische und konventionelle Anbausysteme miteinander verglichen werden [12].

Wo bestehen die größten Wissenslücken?

Im Ackerbau liegen erste Erfahrungen vor, die Bodenbearbeitung und das Pflügen auf ein Minimum zu reduzieren, ohne – wie die allgemeine Landwirtschaft – auf gentechnisch veränderte Sorten, das Totalherbizid Roundup oder mehr synthetischen Stickstoff ausweichen zu müssen. Hier braucht es dringend weitere Entwicklungen im Zusammenspiel zwischen Gerätetechnik, Fruchtfolgegestaltung, Unkrautforschung, Bodenbiologie, Pflanzenernährung und Wasserhaushalt.
Sonderkulturen wie Obst, Wein und Gemüse reagieren besonders empfindlich auf Schaderreger wie Pilzkrankheiten, Insekten oder größere Tiere (» Frage 10). Wichtige Forschungsbereiche sind hier deshalb etwa das pflanzliche Immunsystem und dessen Stimulierung oder die Entwicklung neuer biologischer Pflegemittel. Ebenso fehlen einfache und kostengünstige Beizmethoden für Saatgut zur Bekämpfung von saatgutgebundenen Krankheiten. Großer Forschungsbedarf besteht in der tierischen Erzeugung zum Beispiel bei der Förderung der Tiergesundheit (Euterentzündungen, Magen-Darm-Parasiten) durch vorbeugende Maßnahmen und wirkungsvolle nicht chemische Therapien (» Frage 13).
Bei der Tierernährung gibt es das große Problem zu lösen, wie die Eiweißversorgung durch betriebseigenes Futter oder durch neue Quellen (sichere Kreisläufe von Nebenprodukten und Abfällen, neue Organismen wie Insekten) sichergestellt werden kann (» Frage 12).
Der Einsatz konventioneller Hochleistungsrassen auf Bio-Betrieben führt häufig zu Erkrankungen und Stoffwechselstörungen (» Frage 8). Im Öko-Landbau ist es deshalb dringend nötig, andere Merkmale bei der Zuchtauswahl in den Vordergrund zu stellen, wie zum Beispiel die Gesundheit. Die Leistungen, das Wohlbefinden und die Gesundheit der Tiere können durch den Betriebsleiter positiv beeinflusst werden. Forschungen zur Mensch-Tier-Beziehung und zu den Voraussetzungen für gutes Management sind deshalb wichtig [7; 8].

Akteure der Forschung

Deutschland ist international der wichtigste und größte Forschungsplatz des ökologischen Landbaus. Die Gründung des ersten privaten Forschungsinstitutes mit dem Institut für Biologisch-Dynamische Forschung (IBDF) 1950 in Darmstadt und des ersten Hochschullehrstuhls für ökologischen Landbau 1982 in Witzenhausen sind weltweite Pionierleistungen. Seither hat die Zahl der Forschenden an vielen Institutionen stetig zugenommen [6]. Das seit 2002 laufende Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft verstärkte die Forschungstätigkeiten seither mit insgesamt knapp 70 Millionen Euro beträchtlich. Bereits über 3.350 Forschungspublikationen aus Deutschland sind als Originale in der Literaturdatenbank „orgprints“ online zu finden, zusammen mit insgesamt 13.000 Publikationen aus ganz Europa [10; 11].
Die ökologische Lebensmittelwirtschaft hat ein hohes Potenzial für Innovation, das durch die Forschungsförderung bisher zu wenig geweckt wurde. Demgegenüber kann die konventionelle Lebensmittelwirtschaft auf 100 Jahre Forschungsanstrengungen der Industrie und öffentlicher Institutionen zurückgreifen.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Thorup-Kristensen, K., Magid, J. und Jensen, L. S. (2003): Catch crops and green manures as biological tools in nitrogen management in temperate zones. Advances in Agronomy, 79, S. 227–302, www.orgprints.org/107/

[2] Niggli, U. und Gerber, A. (2010): Öko-Forschung: Innovationsmotor für eine zukunftsfähige Landbewirtschaftung Positionspapier des BÖLW. www.boelw.de > Uploads > Media > Pdf > Dokumentation > Dossiers_und_Positionspapiere > BOELW_Bedeutung_der_Oekoforschung_
100603.pdf

[3] Schermer, M. (2003): Bauer, Power, Bioregion: Das Potenzial des Biologischen Landbaus für die ländliche Regionalentwicklung in Österreich. Dissertation am Institut für Soziologie der Universität Innsbruck, www.orgprints.org/7074/

[4] Gerber, A. (2001): Vom Reduktionismus zur Transdisziplinarität: Leitbilder für eine zukunftsweisende Forschung im ökologischen Landbau. In: Reents, H. J. (Hrsg.): Beiträge zur 6. Wissenschaftstagung zum ökologischen Landbau, Verlag Dr. Köster, Berlin, S. 31–34.

[5] Niggli, U.
(2002): Forschung als Triebfeder für die zukünftige Entwicklung des ökologischen Landbaus. Ökologie und Landbau 123, 2/2002, S. 9–11, www.orgprints.org/1156/

[6] Adressen der Akteure und Institutionen abrufbar unter www.forschung.oekolandbau.de. Auch zahlreiche aktuelle Informationen zur Bio-Landbauforschung und insbesondere zum Bundesprogramm ökologischer Landbau sind dort zu finden.

[7] Probst, J. K., Spengler Neff, A., Leiber, F., Kreuzer, M. B, und Hillmann, E. (2012): Gentle touching in early life reduces avoidance distance and slaughter stress in beef cattle. Applied Animal Behaviour Science 139 (2012) 42–49.

[8] Ivemeyer, S., Knierim, U. und Waiblinger, S. (2012): Effect of human-animal relationship and management on udder health in Swiss dairy herds. J. Dairy Sci. 94: 5890–5902.

[9] Beck, A., Kahl, J. und Liebl, B. (2012): Wissenstandsanalyse zur Qualität, Verbraucherschutz und Verarbeitung ökologischer Lebensmittel. Abschlussbericht, 150 Seiten,
https://shop.fibl.org/de/artikel/c/allg-verarbeitung-qualitaet/p/1582-wissensstandsanalyse.html

[10] www.orgprints.org ist eine von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), vom International Center for Research in Organic Food and Farmins Systems (ICROFS) und vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) getragene Datenbank.

[11] Die Webseite www.organic-research.org gibt zahlreiche Hinweise auf die weltweite Ökolandbauforschung.

[12] Raupp, J. et al.
(Hrsg.) (2006): Long Term Field Experiments in Organic Farming. ISOFAR Scientific Series No 1., Verlag Dr. Köster, Berlin.