24. Erhält der Öko-Landbau die Biodiversität? Bio-Betriebe bringen Vielfalt in die Kulturlandschaft

Eine multifunktionale Landwirtschaft der Zukunft steht vor der Herausforderung, nicht nur gesunde Lebensmittel zu produzieren, sondern die Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten zu erhalten und die historisch gewachsenen Kulturlandschaften weiterzuentwickeln. Die heute vorherrschende Art der Landbewirtschaftung gilt als Hauptverursacher des Artenschwundes in Deutschland. Der Öko-Landbau ist demgegenüber geeignet, die Biodiversität zu schützen, gezielt zu fördern und vielfältige und regionaltypische Kulturlandschaften aktiv zu gestalten. Biodiversität umfasst verschiedene Ebenen – von der genetischen Vielfalt über die Vielfalt an Sorten und Arten bis hin zur Vielfalt der Biotoptypen auf Landschaftsebene.

Bio-Flächen sind artenreicher als konventionelle

Auf Bio-Äckern kommen deutlich mehr Wildkraut- und Tierarten vor als auf konventionellen [1; 2] – was wenig verwundert, da keine Herbizide, Pestizide und leicht lösliche Handelsdünger eingesetzt werden, die Fruchtfolgen vielfältiger sind und eine standortangepasste Tierhaltung angestrebt wird. Gerade für Ackerwildkräuter – hier steht bundesweit jede zweite Art in mindestens einem Bundesland auf der Roten Liste – kann Öko-Landbau praktizierten Artenschutz bedeuten [3]. Von der größeren Vielfalt an Pflanzen profitieren Insekten und Feldvögel. Die größere Artenvielfalt ist einerseits Folge der Umstellung auf ein vielfältigeres Anbausystem. Andererseits setzt der Öko-Landbau gezielt auf die Nutzung von Wechselwirkungen in der Natur; ein vielfältiger Anbau kombiniert mit einem Verbund von Strukturelementen und Biotopen unterstützt die Regulierung von Schädlingen.

Ackerwildkraut-Artenzahlen auf ökologisch bewirtschafteten Ackerflächen.

Können Bio-Höfe bedrohte Kultursorten und Nutztiere erhalten?

In der heutigen Landwirtschaft beschränkt sich der Anbau bei Getreide und Gemüse auf immer weniger hochproduktive Sorten und die Nutztierhaltung auf wenige Hochleistungsrassen. Der Öko-Landbau ist aufgrund seiner spezifischen Wirtschaftsweise jedoch auf Alternativen angewiesen und engagiert sich daher auch für die Agro-Biodiversität, etwa was den Erhalt alter Nutztierrassen und Pflanzensorten [4] betrifft (» Frage 7; » Frage 8). Ihre geringere „Produktivität“ machen bedrohte Nutztierrassen dabei oftmals durch eine stabilere Gesundheit und längere Lebensdauer wett. Der Erhalt und die Weiterzüchtung alter Kultursorten und selten gewordener Nutztierrassen [5] ist jedoch mit finanziellen Aufwendungen verbunden und auch auf Bio-Höfen meist nur realisierbar, wenn dieses Engagement durch die Gesellschaft honoriert wird.

Der Bio-Landbau integriert Landschaftselemente in die Bewirtschaftung

Landschaftselemente wie Hecken, Feuchtbiotope, Magerrasen, Streuobstwiesen und Wegraine erfüllen wesentliche ökologische Funktionen in der Kulturlandschaft. Sie bieten einer Fülle an Tier- und Pflanzenarten Lebensraum, Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten. Auch wenn es dazu keine Vorgaben gibt, so gehören doch in vielen Öko-Betrieben Landschaftselemente zum Bewirtschaftungskonzept, denn sie erhöhen die Stabilität des Agrar-Öko-Systems. Wechselwirkungen fördern die Regulation von „Schädlingen“ durch „Nützlinge“; Strukturelemente mindern die Erosion und bereichern das Landschaftsbild. Vereinzelt finden Bio-Betriebe sogar Möglichkeiten, traditionelle Nutzungen von Hecken neu zu beleben [6] und den Aufwuchs für Hackschnitzelheizungen oder Laubheu als diätetisches Viehfutter zu nutzen. Der große Arbeitsaufwand verhindert bisher, dass solche Ansätze weitere Verbreitung finden.

Die Öko-Landbauverbände fördern den Naturschutz auf Bio-Betrieben

In Umfragen zeigt sich ein großes Interesse von Bio-Bauern an Naturschutzmaßnahmen – Zeit und Geld sind die Faktoren, warum nicht noch mehr Naturschutz auf den Höfen realisiert wird. In Niedersachsen gibt es seit 2001 am Kompetenzzentrum Öko-Landbau eine einzelbetriebliche Naturschutzberatung speziell für Bio-Betriebe, die interessierten Landwirten als Serviceleistung für die Planung und Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen zur Verfügung steht. Unterstützt von der Beratung konnten zahlreiche Maßnahmen umgesetzt werden [7]. Bestrebungen, diesen Service für Bio-Landwirte auch in weiteren Bundesländern anzubieten [8], konnten mangels Finanzierung erst teilweise realisiert werden. Über die Unterstützung von Einzelmaßnahmen hinaus geht das Angebot zur Erstellung einzelbetrieblicher „Kulturlandpläne“, die das Naturschutz-Entwicklungspotenzial des gesamten Hofes erfassen und Optimierungsvorschläge liefern [9].

Naturschutz bleibt auch für Bio-Anbau eine Herausforderung

Auch in der ökologischen Landwirtschaft gibt es noch Verbesserungsbedarf in Sachen Naturschutz: Kleegrasfelder könnten noch vielfältiger aussehen und Lerchen haben Probleme, zwischen den Schnittterminen ihre Jungen großzuziehen. Dies gilt auch für viele Grünlandflächen: Viele ökologisch bewirtschaftete Wiesen werden heute ähnlich früh und häufig geschnitten wie konventionelle, da niedrige Milchpreise zu einer zunehmenden Intensivierung der Grünlandnutzung zwingen. Daher sind gegen die Verarmung der Artenvielfalt auch auf Bio-Höfen gezielte Maßnahmen sinnvoll, damit mehr Pflanzenarten zur Blüte kommen und Nahrung für Insekten bieten [10]. Doch spätere Nutzungstermine und eine tierschonende Mähtechnik bedeuten weniger Futter, einen höheren Zeitaufwand und kosten Geld. Daher bedürfen Naturschutzmaßnahmen auch auf Bio-Höfen eines zusätzlichen finanziellen Ausgleichs.

Es geht um mehr als um naturverträgliches Wirtschaften: Es geht um Kultur!

Die Förderung von Naturschutz und Biodiversität auf Bio-Höfen bedeutet mehr als das Weglassen von Chemie und Kunstdünger und die Umstellung von Fruchtfolge und Tierhaltung. Mehrere Forschungsprojekte haben untersucht, wie der Öko-Landbau noch naturschutzfreundlicher gestaltet werden kann [11; 12]. Es geht um eine Integration von Naturschutzzielen, die zu einer ökologischen Wirtschaftsweise immanent dazugehören [13]. Zudem lassen sich viele nach heutigen Maßstäben unproduktiv gewordene Lebensräume, wie etwa in den Mittelgebirgen, in ihrer Artenvielfalt nur erhalten, wenn sie gezielt gepflegt und extensiv genutzt werden – in diesen Landschaften lässt sich Vielfalt in der Natur nur durch Kultur erhalten und pflegen. Zu einer multifunktionalen Landbewirtschaftung der Zukunft gehört die Weiterentwicklung der vielfältigen europäischen Kulturlandschaften und ihrer Biodiversität als Aufgabe dazu, für die der ökologische Landbau prädestiniert ist. Hierzu müsste die Agrarpolitik Landschaft als bisher unbezahltes Nebenprodukt der Landnutzung stärker honorieren und Perspektiven für Landwirte eröffnen, sich verstärkt in der Landschaftspflege zu engagieren. Nicht zuletzt kann der Verbraucher durch seine Kaufentscheidung Landwirte bei dieser Aufgabe unterstützen.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Soil Association (2000): The Biodiversity benefits of organic farming. Abrufbar unter www.wwf.org.uk/research > issues > agriculture > reports > archived reports.

[2] Niggli, U. et al. (2009): Gesellschaftliche Leistungen der biologischen Landwirtschaft. – Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL): Fakten & Hintergründe zu den Leistungen des Biolandbaus, 35 pp., Frick (CH).

[3] Van Elsen, T. (1996): Wirkungen des ökologischen Landbaus auf die Segetalflora – Ein Übersichtsbeitrag. In: Diepenbrock, W. und Hülsbergen, K. J. (Hrsg.): Langzeiteffekte des ökologischen Landbaus auf Fauna, Flora und Boden. Halle, S. 143–152.

[4] Workshop: Züchtung für den Öko-Landbau. www.orgprints.org/1737, weiterhin www.eco-pb.org; www.nutzpflanzenvielfalt.de

[5] Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (geh), www.g-e-h.de

[6] Kurz, P., Machatschek, M. und Iglhauser, B. (2001): Hecken. Geschichte und Ökologie, Anlage, Erhaltung und Nutzung. Stocker, Stuttgart.

[7] Van Elsen, T. et al. (2003): Naturschutzberatung für den ökologischen Landbau – eine Projektstudie zur Integration von Naturschutzzielen auf Biohöfen. www.orgprints.org

[8] www.naturschutzberatung.info

[9] www.kulturlandplan.de

[10] Van Elsen, T. und Daniel, G. (2000): Naturschutz praktisch. Ein Handbuch für den ökologischen Landbau. Bioland Verlag, Mainz.

[11] www.naturschutzhof.de, www.uni-kassel.de

[12] Stein-Bachinger, K. et al. (2010): Naturschutzfachliche Optimierung des ökologischen Landbaus „Naturschutzhof Brodowin“. Naturschutz und biologische Vielfalt 90. Bonn–Bad Godesberg 2010.

[13] Röhrig, P., Van Elsen, T. und Inhetveen, H. (2003): Kulturlandschaftsentwicklung durch Öko-Landbau – Was motiviert den Biobauern zur Integration von Naturschutzzielen? In: Freyer B. (Hrsg.): Beiträge zur 7. Wissenschaftstagung zum ökologischen Landbau. Wien, S. 579–580, www.wiz.uni-kassel.de/foel/WissTagg_PR.pdf
 
Frieben, B. (1997): Arten- und Biotopschutz durch Organischen Landbau? In: Weiger, H. und Willer, H. (Hrsg.): Naturschutz durch ökologischen Landbau. ökologische Konzepte 95, Deukalion, Holm, S. 73–92.