23. Ist Bio auch öko? Öko-Bilanzen: Nicht unproblematisch bei Produkt-vergleichen – unerlässlich für die umweltbezogeneProzessoptimierung

Die Vorteilhaftigkeit von Bio-Produkten wird häufig durch Öko-Bilanzen hervorgehoben oder auch widerlegt. Den gegensätzlichen Aussagen liegen oftmals unterschiedliche Annahmen oder verschiedene Methoden zugrunde. Da Öko-Bilanzen nur einen Ausschnitt aus der komplexen Beziehung zwischen Produkt und Umwelt zeigen, sind vereinfachende und pauschale Aussagen auf ihrer Grundlage oftmals problematisch. Ihre Stärke liegt vor allem in der Identifizierung ökologischer Schwachstellen in Prozessen. Durch fortschreitende Normierung können mittlerweile aber auch besonders effiziente Produktionsverfahren identifiziert werden, um Bio-Lebensmittel noch umweltfreundlicher zu erzeugen.

Die Methode der Öko-Bilanzierung

Die Öko-Bilanz ist ein Oberbegriff für Methoden, um Umweltwirkungen, die durch eine bestimmte Aktivität ausgelöst werden, zu erfassen und zu bewerten. Der Untersuchungsgegenstand kann z. B. ein Unternehmen (betriebliche Öko-Bilanz) oder ein Produkt (LCA – Life Cycle Assessment) sein. Bewertet werden können Einzelaspekte, wie der Carbon-Footprint eines Produktes, mehrere ökologische Aspekte wie Klimaschutz, Wasserverbrauch [1] und Biodiversität [2] bis hin zu umfassenden Nachhaltigkeitsbetrachtungen. Aufgrund unterschiedlicher Methoden, Annahmen und Datenquellen ist die Vergleichbarkeit der Ergebnisse aber oftmals schwierig [3]. Aus diesem Grund gibt es diverse internationale Normen (z. B. PAS2050, GHG Protocol für Emissionsbilanzen; DIN 33926 für Öko-Bilanzen; ISO 14040, ISO 14044 für LCA), die bei konsequenter Anwendung auch Vergleichbarkeit und betriebsübergreifendes Benchmarking zulassen.
Allerdings stellen die Ergebnisse der genannten Methoden immer nur Ausschnitte der komplexen Wechselwirkungen zwischen Untersuchungsgegenstand und Umwelt dar. Ein LCA erfasst zum Beispiel die entstehenden Emissionen, Rohstoffentnahmen und den Flächenverbrauch entlang der Wertschöpfungskette sowie über den gesamten Lebensweg (Herstellung, Gebrauch, Entsorgung/Verwertung) eines Produktes. Diese werden anschließend umweltrelevanten Wirkungskategorien, wie etwa Treibhauseffekt, Ozonabbau, Versauerung, fossiler Ressourcenverbrauch, Naturraumbeanspruchung oder Schädigung von Öko-Systemen, zugeordnet. Bis zu diesem Punkt orientiert sich eine Öko-Bilanz an technisch messbaren Fakten.
Im nächsten Schritt werden die Wirkungskategorien durch eine Rangfolge gewichtet und im Ergebnis zu einer einzigen Zahl (Umweltbelastungspunkte) verdichtet. Diese Vorgehensweise beinhaltet Entscheidungen über die Rangfolge verschiedener Umweltwirkungen. Ist der Treibhauseffekt ein größeres Umweltproblem als das Ozonloch? Ist es schädlicher für die Umwelt, wenn fossile Ressourcen verbraucht oder wenn Flächen versiegelt werden? Diese Fragen sind naturwissenschaftlich nicht eindeutig zu beantworten. Um dennoch Vergleichbarkeit von Ergebnissen zu erzielen, werden Rangfolgen basierend auf fachlichen Grundlagen [4] und einheitlichen Regelwerken (z. B. GRI-G3 Guidelines) erstellt.

Bio versus konventionell: Die Annahmen sind entscheidend

Bei Systemvergleichen zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft, ist der gewählte Bezugspunkt zu beachten. Werden die Ergebnisse z. B. pro kg Weizen ausgewiesen, fallen sie für den Öko-Landbau nicht so positiv aus, als wenn die Resultate pro Flächeneinheit ausgewiesen werden. Der Grund liegt in der oftmals geringeren Produktivität des Öko-Landbaus im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft [5; 6]. Bezieht man aber bspw. bei der Milcherzeugung die erzeugte Menge nicht nur auf die Energie des eingesetzten Futters, sondern betrachtet auch Faktoren wie Futtermittelerzeugung und Bestandsergänzung, so ist die Bio-Kuh im Vorteil [5; 7; 8]. Ähnliches gilt für verarbeitete Bio-Produkte, betrachtet man die gesamte Herstellungskette [9]. Allerdings ist auch auf die Herkunft der Produkte zu achten, da lange Transporte die positiven Effekte von Bio-Produkten schnell überkompensieren können [10; 11].

Die Öko-Bilanz im Dilemma

Die Ergebnisse von Öko-Bilanzen sind also stark abhängig von der Wahl des Handlungsrahmens, den getroffenen Annahmen und der Art und Anzahl der bewerteten Aspekte. Durch die öffentlichkeitswirksame Darstellung von selektierten Einzelaussagen, die vermeintlich umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Handeln suggerieren (sog. Greenwashing), geraten die Methoden immer wieder in die Kritik [12]. Sie unterliegen dem Dilemma der abnehmenden Objektivität bei zunehmender Komplexität. Die unvermeidliche Einbeziehung subjektiver Werturteile sowie die Eingrenzung der Ergebnisse auf Teilaspekte machen Öko-Bilanzstudien entweder angreifbar oder anfällig für die Durchsetzung von Interessen. Vereinfachte Bilanzen, die sich nur auf eine Wirkungskategorie beziehen, kommen zwar auf objektivere Ergebnisse, lassen aber auch viele positive Vorteile des Öko-Landbaus außen vor.

Zusammensetzung der Treibhausgasquellen in der Wertschöpfungskette einer Bio-Banane aus der Dominikanischen Republik [11].
Zusammensetzung der Treibhausgasquellen in der Wertschöpfungskette einer Bio-Banane aus der Dominikanischen Republik.

Wo liegt der wirkliche Nutzen von Öko-Bilanzen?

Der Hauptnutzen einer Öko-Bilanz besteht in der gezielten Suche nach ökologischen Schwachstellen, um Produktionsprozesse effizienter zu gestalten, da sich Effizienzsteigerungen i. d. R. auf alle umweltbezogenen Wirkungskategorien positiv auswirken. In diesem Zusammenhang gibt es beispielhafte Projekte wie das Zertifizierungssystem Stop Climate Change [13]: Mithilfe einer vereinfachten Treibhausgas-Bilanz entlang der Wertschöpfungskette einer Bio-Banane aus der Dominikanischen Republik (siehe Abbildung ) wird schnell ersichtlich, dass die wesentlichen Emissions quellen durch den Transport verursacht werden [14]. Dies ist exemplarisch für viele Lebensmittel [6; 11; 15].
Durch die Öko-Bilanz können also Verbesserungsmöglichkeiten aufgedeckt werden, allerdings spielt auch das Verbraucherverhalten eine entscheidende Rolle. Je nach Betrachtungsmaßstab kann beispielsweise eine pflanzliche Ernährung, der Verzicht auf „Flugware“, der bevorzugte Kauf frischer und saisonaler Lebensmittel dazu beitragen, die Umweltbelastungen durch Lebensmittel zu vermindern bzw. auszuschließen [5; 6]. Doch bei Kaufentscheidungen spielen auch subjektive Werte eine Rolle oder es gibt Interessenkonflikte: Wem z. B. eine artgerechtere Tierhaltung am Herzen liegt, der greift nach wie vor zum Öko-Steak, auch wenn dieses unter bestimmten Umständen eine schlechtere Treibhausgas-Bilanz als ein konventionell erzeugtes hat [5]. Oder Tiefkühlspinat kann u. U. wesentlich gesünder als frischer Spinat sein, weil durch das schnelle Tiefkühlen sofort nach der Ernte weniger wertgebende Inhaltsstoffe (z. B. Vitamin C) verloren gehen als bei der Zwischenlagerung frischer Ware im Kühlschrank [16]. Daran wird noch einmal deutlich, dass eine Öko-Bilanz, wie komplex sie auch sein mag, immer nur einen Teil der möglichen Aspekte bewertet.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Hörtenhuber, S., Lindenthal, T. und Schmid, E. (2011): Water Footprint – Ein Beispiel zur Nachhaltigkeitsbewertung am Beispiel der Milcherzeugung in Österreich. ALVA-Tagung, Bildungshaus Raiffeisenhof.

[2] Markut, T., Schader, C., Pfiffner, L., Drapela, T. und Lindenthal, T. (2010): Methode zur Biodiversitätsbewertung auf Landwirtschaftsbetrieben. Kurzinformation, FiBL Österreich, www.fibl.org

[3] Teufel, J., Gattermann, M., Brommer, E. und Stratmann, B. (2011): Grobscreening zur Typisierung von Produktgruppen im Lebensmittelbereich in Orientierung am zu erwartenden CO2e-Fußabdruck, LANUV – Fachbericht 29, Düsseldorf.

[4] Umweltbundesamt (UBA) (Hrsg.) (2000): Handreichung: Bewertung in Ökobilanzen. Hintergrundpapier. www.probas.umweltbundesamt.de

[5] Hirschfeld, J., Weiß, J., Preidl, M. und Korbun, T. (2008): Klimawirkung der Landwirtschaft in Deutschland. Studie im Auftrag von foodwatch e.V., Schriftenreihe des IÖW 186/08, Berlin, www.ioew.de

[6] Jungbluth, N. (2007): Bilanzierung von Nahrungsmitteln – Orientierung für VerbraucherInnen? In: Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis Nr. 3, 16. Jg., S. 61–69, www.itas.fzk.de

[7] Haas, G., Wetterich, F. und Köpke, U. (2001): Comparing intensive, extensified and organic grassland farming in southern Germany by process life cycle assessment. In: Agriculture, Ecosystems and Environment 83, S. 43–53.

[8] Cederberg, C. und Flysjö, A. (2004). Life Cycle Inventory of 23 Dairy Farms in South-Western Sweden. Swedish Institute for Food and Biotechnology. SIK Rapport No. 728, www.sik.se

[9] Fritsche, U.R., Eberle, U., Wiegmann, K. und Schmidt, K. (2007): Treibhausgasemissionen durch Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln – Arbeitspapier. Öko-Institut e.€V., Darmstadt/Hamburg, www.oeko.de

[10] Engel, A. M., Wegener, J. K. und Lange, M. (2010): Influence of production methods and transport distances on the Greenhouse Gas-Balance of organic apple juice. European Association of Agricultural Economists 120th Seminar, September 2–4, 2010, Chania, Crete, www.ageconsearch.umn.edu/handle

[11] Havers, K. (2008): Die Rolle der Luftfracht bei Lebensmitteltransporten – Aktuelle Entwicklungen in Deutschland und deren Folgen. Öko-Institut e.V. (Hrsg.), www.oeko.de

[12] Demmeler, M., Heißenhuber, A., Jungbluth, N., Burdick, B. und Gensch, C. O. (2005): Ökologische Bilanzen von Lebensmitteln aus der Region – Diskussion der Ergebnisse einer Forschungsstudie. In: Natur und Landschaft, Vol. 80, Heft 3, S. 110–111., www.esu-services.ch

[13] Wegener, J. (2008): Zertifizierung freiwilliger Klimaschutzleistungen mit dem System „Stop-Climate-Change“. In: Ökologie und Landbau,1/2008, Heft 145, S. 33–34.

[14] Lange, M.; Heinzemann, J. und Wegener, J. (2007): Emissionen bei Produktion und Transport von Bio-Bananen aus der Dominikanischen Republik. In: Landtechnik 4/2007, S. 232–233.

[15] Blanke, M. und Burdick, B. (2005): Energiebilanzen für Obstimporte: Äpfel aus Deutschland oder Übersee? In: Erwerbs-Obstbau (2005), Vol. 47, Nr. 6, S. 143–148.

[16] Favell, D. J. (1998): A comparison of the vitamin C content of fresh and frozen vegetables. In: Food Chemistry, Vol. 62 (1), S. 59–64.

Biotropic (2007), www.biotropic.com