15. Ist der Markt für Bio-Lebensmittel eine Nische? Bio: Gesellschaftlicher Trend und starker Wachstumsmarkt

Artgerechte Tierhaltung, geringe Schadstoffbelastung und eine gesunde Ernährung zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens sind die wesentlichen Gründe, weshalb immer mehr Verbraucher aller Bevölkerungsschichten zu Bio-Produkten greifen. Zukunftsforscher sehen in Bio einen der großen gesellschaftlichen Trends. Ob Hofladen, Wochenmarkt, Reformhaus, Bio-Laden, Bio-Supermarkt, Supermarkt oder Discounter: Bio-Lebensmittel sind inzwischen in allen Verkaufsstätten zu finden und das Sortiment wird stetig ausgebaut. Der Bio-Markt wächst anhaltend – mit hohen, z. T. zweistelligen Wachstumsraten.

Die Ökologische Lebensmittelbranche ist eine besonders wachstumsstarke Branche

Vor 25 Jahren stellte sich der Bio-Markt als Nischenmarkt dar: Der Anteil der Bio-Betriebe lag unter 0,5 % und die Erzeugnisse wurden entweder direkt ab Hof, auf Wochenmärkten oder von wenigen kleinen Naturkostläden vermarktet. Seitdem setzte eine rasante Entwicklung ein: Anfang des Jahres 2012 wurden in Deutschland 1.015.626 ha landwirtschaftliche Nutzfläche von insgesamt 22.506 Betrieben ökologisch bewirtschaftet. Das entspricht 7,7 % der landwirtschaftlichen Betriebe und 6,1 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche [1]. Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln im gesamten Lebensmittelhandel ist von 2,1 Mrd. Euro im Jahr 2001 auf knapp 6,6 Mrd. Euro im Jahr 2011 gestiegen und erreicht einen Umsatzanteil am gesamten Lebensmittelmarkt von ca. 3,7 % [2]. Damit ist die ökologische Lebensmittelwirtschaft längst kein Nischenmarkt mehr, sondern ein wichtiges und stetig wachsendes Marktsegment. Allerdings zeigen die Zahlen auch eine beunruhigende Entwicklung: Während der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln weitgehend kontinuierlich mit hohen Wachstumsraten zulegt und sich in den letzten 10 Jahren mehr als verdreifacht hat, konnte die ökologisch bewirtschaftete Fläche im selben Zeitraum nur verdoppelt werden. Die wirtschaftliche Vorzüglichkeit des Öko-Landbaus steht derzeit vor allem durch die hohe Einspeisevergütung für Biogas-Strom unter Druck. Mit Mais für Biogas-Anlagen lassen sich deutlich höhere Deckungsbeiträge erwirtschaften als mit Öko-Landbau. Die gestiegenen Pachtpreise in Biogas-Regionen können Öko-Landwirte nicht zahlen. Stark hemmend ist auch die unzuverlässige Förderung des ökologischen Landbaus in einigen Bundesländern. Aus diesen Gründen wird die weitere Umstellung auf ökologischen Landbau deutlich verlangsamt. Mit dem dadurch notwendigen, wachsenden Import von Bio-Erzeugnissen geht der entsprechende Export von Umweltleistungen einher.

In der Mitte der Gesellschaft angekommen

Bio ist ein selbstverständlicher Bestandteil der deutschen Ernährungskultur geworden. In der öffentlichen Wahrnehmung nehmen Bio-Lebensmittel eine herausgehobene Stellung ein. Themen rund um Bio erfreuen sich großen gesellschaftlichen Interesses und sind täglich in den Medien präsent [3]. Nach einer Auswertung des Haushaltspanels der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben 91 % der Bevölkerung mindestens einmal im Jahr zu Bio-Lebensmitteln gegriffen [4]. Insgesamt gehören 3 % der Haushalte zu den Intensiv-Käufern, 14 % zu den Medium-Käufern, 33 % zu den Wenig-Käufern und 50 % zu den Nicht- oder Zufalls-Käufern (siehe hierzu die nebenstehende Tabelle). Die Intensiv-Käufer generieren 39 % des gesamten Bio-Umsatzes, die Medium-Käufer weitere 39 %. Dabei geben die Medium-Käufer im Durchschnitt 167 € im Jahr für Bio-Lebensmittel aus, bei den Intensiv-Käufern sind es 730 € [4]. Haben Bildung und Einkommen zunächst einen signifikanten Einfluss auf die Kaufintensität bei Bio-Produkten gehabt, gibt es diesen Zusammenhang heute nicht mehr, denn mittlerweile greifen Käufer aus allen Bevölkerungsschichten zu Bio [4]. Dennoch sind junge Familien mit kleinen Kindern nach wie vor eine typische Bio-Käufergruppe [4]. Auch immer mehr jüngere Verbraucher interessieren sich für Bio-Produkte [5].

Genuss und Ökologie verbinden

Die Gründe für den Griff zum Bio-Produkt sind so vielfältig wie seine Kunden. Allgemein sind die artgerechte Tierhaltung, die regionale Herkunft der Produkte, eine möglichst geringe Schadstoffbelastung und weniger Hilfs- und Zusatzstoffe in der Verarbeitung wichtige Gründe, die Verbraucher dazu veranlassen, Bio-Produkte zu kaufen [5]. Beim Kauf von Bio-Lebensmitteln sind für die Konsumenten dann die Frische und Qualität der Produkte, geringe Pflanzenschutzmittel-Rückstände und die Einhaltung von Sozialstandards am wichtigsten [5].
Bei den Gelegenheitskäufern stehen egoistische Kaufmotive im Vordergrund: Sie kaufen Bio-Produkte, weil sie ihnen besser schmecken, weniger Rückstände und Zusatzstoffe enthalten und als gesünder angesehen werden [4]. Bei den Intensiv-Käufern sind hingegen auch altruistische Motive von Bedeutung, wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion oder die regionale Herkunft der Produkte [4].

Professionalisierung: mehr Verkaufsstätten und größeres Sortiment

Durch das zunehmende Interesse der Verbraucher bieten heute nahezu alle Verkaufsstätten von Lebensmitteln Bio-Produkte an. So vermarkten neben konventionellen Supermarktketten, die bereits vor Jahren Bio-Produkte in ihr Sortiment aufgenommen haben, auch Discounter und Drogeriemärkte Bio-Produkte. Gleichzeitig steigt die Zahl von 100 %-Bio-Fachhandelsgeschäften weiter an. Trends im Bereich dieser Bio-Vollsortimenter sind Läden mit mehr als 400 m2 Verkaufsfläche und eine starke Ausdehnung der Fachhandelsfilialisten. Die Zunahme der Verkaufsstät-ten und die Ausweitung des Sortiments sind wesentliche Träger des Wachstums im Bio-Markt.

Marktanteile verschieben sich

Als der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel seine Bio-Sortimente aufbaute, hatte er einen besonders hohen Anteil am Wachstum des Bio-Marktes. Inzwischen hat sich der prozentuale Anteil des konventionellen Lebensmitteleinzelhandels am Gesamtabsatz von Bio-Produkten bei etwa 54 % eingependelt [2]. Der Naturkostfachhandel ist durch die starke Ausdehnung der Bio-Supermärkte ein starker Wachstumsmotor des Bio-Marktes geworden. Der Anteil des Naturkostfachhandels am Gesamt-Bio-Umsatz liegt etwa bei einem Drittel. Der Rest entfällt auf sonstige Verkaufsstätten wie Bäckereien, Metzgereien, Wochenmärkte, Abo-Kisten und Reformhäuser. Insgesamt betrachtet, findet jedoch kein Verdrängungswettbewerb statt, denn nahezu alle Verkaufsstätten haben teil am Umsatzwachstum des Bio-Marktes. Innerhalb der Absatzebenen gibt es jedoch große Unterschiede: Während einzelne Direktvermarkter, Bäckereien oder Metzgereien ihren Absatz deutlich steigern konnten, haben andere den Direktverkauf oder den Verkauf von Bio-Produkten eingestellt. Für diese Verkaufsstätten gilt in besonderem Maße, dass sie sich über spezielle Sortimente – z. B. Spezialitäten – oder besondere Serviceangebote gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel und dem Naturkostfachhandel profilieren müssen, um sich am Markt behaupten zu können.
Ein weiterer starker Wachstumsbereich ist die Außer-Haus-Verpflegung: Mehr und mehr Anbieter – vor allem Kantinen, Schulküchen und Spitzenköche – stellen ihr Angebot teilweise oder ganz auf Bio-Gerichte um.

Kundensegmente des Öko-Marktes 2008

Veränderung der Angebotssortimente

Das veränderte Angebot in den Verkaufsstätten geht mit einer Änderung des Einkaufsverhaltens einher. Grundnahrungsmittel werden verstärkt beim Discounter eingekauft. So verliert der klassische Lebensmitteleinzelhandel beim Bio-Sortiment Marktanteile an die Discounter und Drogeriemärkte. Lediglich Einzelhandelsketten mit einem besonders starken Öko-Profil verzeichnen weiter deutliche Umsatzzuwächse. Dort umfasst der Umsatzanteil des Bio-Sortiments bis zu 20 % und zeigt damit das Marktpotenzial. Der Naturkostfachhandel wiederum wächst vor allem im Frischebereich (Milch, Obst, Gemüse, Fleisch) und bei den Produkten, die im konventionellen Handel nicht zu erhalten sind. So verfügt der Fachhandel über ein sehr viel größeres Bio-Angebot (über 8.000 Artikel) als der konventionelle Handel (etwa 1.000 Artikel).

Chance für Anbieter und Verbraucher

Die geschilderte Entwicklung zeigt, dass der Bio-Markt den Bedürfnissen der Verbraucher immer stärker gerecht wird. Derzeit ist die Nachfrage nach einheimischen Bio-Produkten in Deutschland allerdings größer als das Angebot, da zu wenig landwirtschaftliche Betriebe auf Öko-Landbau umstellen. Deshalb sind Verarbeiter und Händler gezwungen, ausländische Ware zu kaufen, obwohl sie regionale Ware bevorzugen würden (» Frage 17). Der Bio-Markt ist eine große unternehmerische Chance für Verarbeiter, Händler und Landwirte – wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen und Unternehmen professionell betrieben werden.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) (2012): Meldung zur Zahl der im Jahr 2011 nach der EU-Öko-VO 834/2007 kontrollierten Betriebe und der ökologisch bewirtschafteten Fläche.

[2] Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) (2012): Zahlen, Daten Fakten – Die Bio-Branche 2012. www.boelw.de > Themen > Branchenentwicklung.

[3] Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): E-Pressespiegel und Internetdienst im Rahmen vom „Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft“.

[4] Buder, F. (2011): Das Kaufverhalten bei Öko-Lebensmitteln. Kausalanalytische Untersuchung der Determinanten der Nachfrage nach ökologisch erzeugten Lebensmitteln. Verlag Dr. Kovac, Hamburg.

[5] tns Emnid Bielefeld (2012): Ökobarometer 2012. Repräsentative Bevölkerungsbefragung im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Ver-braucherschutz (BMELV). https://www.oekolandbau.de/service/zahlen-daten-fakten/oekobarometer/
 
Spiller, A., Enneking, U. und Lüth, M. (2004): Analyse des Kaufverhaltens von Selten- und Gelegenheitskäufern und ihrer Bestimmungsgründe für/gegen den Kauf von Öko-Produkten. Bericht, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Bonn. www.orgprints.org/4201/

Weitere Informationen zum Käuferverhalten:www.oekolandbau.de > Händler > Marktinformationen > Kaufverhalten.