2. Was ist Ökologische Lebensmittelwirtschaft? Nachhaltiges Wirtschaften vom Acker bis zur Ladentheke

Die ökologische Lebensmittelwirtschaft will mehr als nur ein Marktsegment bedienen, um Gewinne zu erzielen. Durch nachhaltiges Wirtschaften bemüht sie sich auf allen Stufen der Wertschöpfungskette - Erzeugung, Verarbeitung und Handel - um den Ausgleich ökologischer, ökonomischer und sozialer Interessen. Damit begibt sich die ökologische Lebensmittelwirtschaft in ein Spannungsfeld zwischen ihren Idealen und marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten.

Grenzen quantitativen Wachstums

Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Diese bilden sich in einer preis- und einkommensabhängigen Nachfrage ab. Der Grundgedanke der Marktwirtschaft ist, dass die individuelle Gewinnmaximierung der einzelnen Unternehmer bei vollkommener Konkurrenz am Markt die kostengünstige Befriedigung aller Bedürfnisse garantiert und ungerechtfertigte Gewinne einzelner Unternehmer verhindert [1]. Gewinnmaximierung um ihrer selbst willen, Produktivitätssteigerung unter Ausschöpfung des rechtlichen Rahmens und quantitatives Wachstum haben aber zu enormen Umweltbelastungen, zu ineffizientem Ressourcenverbrauch und zu einem Mangel an bezahlter Arbeit geführt [2]. Ein so charakterisiertes Wirtschaftssystem ist auf Dauer nicht existenzfähig [3]. Deshalb müssen entweder die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert werden oder die Wirtschaftsakteure müssen entsprechende ethische Maßstäbe an ihr Handeln anlegen. Ethische Bewertungen der Tier- und Ressourcennutzung sind der Wirtschaftstheorie bislang aber fremd: So ist es z.B. ökonomisch effizienter, Hühner in Käfigen als im Freiland zu halten, es sei denn, es finden sich Verbraucher, die ebenfalls aufgrund ethischer Überlegungen bewusst bereit sind, einen höheren Preis für die Eier aus Freilandhaltung bezahlen. Dies ist der Punkt, an dem die ökologische Lebensmittelwirtschaft ansetzt.

Marktwirtschaft weiter gedacht

Lange bevor die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte einsetzte, entwickelte die ökologische Lebensmittelwirtschaft mit ihren Richtlinien eigene Handlungsmaßstäbe, um umwelt- und tiergerecht zu wirtschaften, Ressourcen zu schonen und qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen (» Frage 1). Diese Haltung beinhaltet, dass innerhalb des Wirtschaftsprozesses immer auch die Folgen des eigenen Handelns für die Umwelt, die Produktqualität, die Kunden und die Wirtschaftspartner mitbedacht werden. Bei den Kunden wiederum ist es ähnlich: Einerseits wünschen sie gesunde und schmackhafte Lebensmittel, auf der anderen Seite erwarten sie ökologisch und sozial korrekt erzeugte Produkte und sind - wie das aktuelle Kaufverhalten zeigt - bereit, dafür in gewissen Grenzen einen entsprechend höheren Preis zu bezahlen. Wirtschaft wird also als ein System verstanden, in dem alle Partner so zusammenarbeiten, dass die Bedürfnisse aller befriedigt werden, ohne dass dies auf Kosten einzelner oder der Umwelt geschieht. In einem solchen ganzheitlichen System wird Gewinnerzielung nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Bedingung angesehen, um die Bedürfnisse aller Wirtschaftsbeteiligten und Kunden unter Ausgleich der ökonomischen, ökologischen und sozialen Interessen befriedigen zu können. Wenngleich die für diesen Ausgleich notwendigen Instrumente oftmals noch fehlen, ist damit der Grundsatz nachhaltigen Wirtschaftens beschrieben, dessen Ideal sich die ökologische Lebensmittelwirtschaft verpflichtet fühlt.

Ideal und Wirklichkeit

Während es für Erzeugung und Verarbeitung von Bio-Produkten klare Richtlinien gibt, können in einer freien Marktwirtschaft für Mengen, Preise und Handelsbeziehungen keine konkreten Regelungen festgelegt werden. Damit befindet sich auch jedes Öko-Unternehmen im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Zwängen und den Ansprüchen an ein nachhaltiges Wirtschaften. Bei der Tiergesundheit (» Frage 13), bei der Gestaltung von Anbausystemen (» Frage 6) und bei der Preisgestaltung zwischen den Stufen der Wertschöpfungskette besteht Optimierungspotenzial. Wenngleich Bio-Betriebe im Vergleich zu konventionellen Betrieben im Schnitt höhere Gewinne erzielen [4], sind auch sie mit zu niedrigen Erzeugerpreisen konfrontiert. Besonders bei der Milch, deren Preis stark an den konventionellen gekoppelt ist, ist eine kostendeckende Produktion kaum mehr möglich. Hier entstanden Initiativen von Landwirten, Molkereien und Händlern, um bessere Milchpreise zu erzielen, so z.B. die Upländer Fairmilch [5]. Auch bei den Fair-Trade-Produkten findet sich ein hoher Bio-Anteil [6]. Nach dem starken Preisausschlag in den Jahren 2007 und 2008 ziehen die Erzeugerpreise seit dem Jahr 2011 wieder leicht an.
Durch den Einstieg von Supermarkt- und Discounter-Ketten in den Bio-Markt werden mehr Verbraucher erreicht und die Menge abgesetzter Bio-Produkte erhöht sich. Vor allem die Discounter üben mit ihrer Preispolitik aber zusätzlichen Druck auf ein nachhaltiges Wirtschaften der fachhandelsorientierten Bio-Branche aus.

Leitbild für nachhaltiges Wirtschaften

Insgesamt betrachtet ist die ökologische Lebensmittelwirtschaft ein beeindruckendes Erfolgsmodell. Mit der Kreislaufwirtschaft als grundlegendem Prinzip schneidet der Öko-Landbau in seinen Auswirkungen auf die Umwelt und in seinem Umgang mit Ressourcen deutlich besser als die konventionelle Landwirtschaft ab (» Frage 21). Gleiches gilt für die Leistungen im Tierschutz (» Frage 11). Die Produkte sind sehr viel geringer mit Rückständen der Agrarchemie belastet als konventionelle und enthalten tendenziell mehr wertgebende Inhaltsstoffe, wie z. B. Antioxidantien (» Frage 19), deren Bedeutung man langsam zu erforschen und zu verstehen beginnt. Verbraucher loben ihren guten Geschmack. Gleichzeitig stellt die ökologische Lebensmittelwirtschaft durch den höheren Aufwand und den hohen Anteil handwerklicher Arbeiten zusätzliche Arbeitsplätze bereit. Ein durchschnittlicher landwirtschaftlicher Bio-Betrieb beschäftigt etwa ein Drittel mehr Menschen als ein konventioneller [4]. Ähnliches gilt für Verarbeitung und Handel. Bei etwa 185.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bedeutet dies, dass die ökologische Lebensmittelwirtschaft ca. 75.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen hat. Darunter sind auch überproportional viele Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen [7]. Schätzungen zufolge sind über die Hälfte aller Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen in der Landwirtschaft auf Bio-Betrieben zu finden, obwohl diese nur ca. 5 % aller Betriebe ausmachen. Im Schnitt führt der ökologische Landbau im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft zu einer etwa doppelt so hohen Wertschöpfung im ländlichen Raum.
Die ökologische Lebensmittelwirtschaft entfaltet also systemimmanent in allen ihren Wirkungs- und Einflussbereichen positive Wirkungen. Damit ist sie ein Leitbild für nachhaltiges Wirtschaften. Ob sie sich selbst weiter entfalten und auf andere Wirtschaftsbereiche ausstrahlen kann, hängt davon ab, ob sie ihre eigenen ethischen Ansprüche festigen und weiterentwickeln kann, aber auch von Faktoren wie Wissen und Verhalten der Verbraucher, gesellschaftlicher Akzeptanz und rechtlichen Rahmenbedingungen.

Quellen, weiterführende Literatur und Links:

[1]   Weinschenck, G. (1994): Agrarökonomie zwischen praktischer und theoretischer Vernunft. In: Berichte über Landwirtschaft, Band 72, Heft 2, S. 161-171

[2] Schumpeter, J. (1980): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Francke Verlag, München

[3] Spiegel, P. (2005): Luxus oder Bedingung? Die Bedeutung von Ökoeffizienz, sozialem Ausgleich und qualitativem Wirtschaftswachstum für eine zukunftsfähige Entwicklung. Zum pdf-Dokument

[4] Von-Thünen-Institut (2012): Analyse der wirtschaftlichen Lage ökologisch wirtschaftender Betriebe. Auswertung des Testbetriebsnetzes Wirtschaftsjahr 1995/96 bis 2010/11.
www.vti.bund.de 

[5] www.bauernmolkerei.de

[6] www.fairtrade-deutschland.de

[7] Hermanowski, R. (2006): Soziale Leistungen der Landwirtschaft. In: Ökologie & Landbau 139, 3/2006, S.14-16. www.orgprints.org/8909/